Wenn die Zeit noch Handarbeit ist: Ohne Guido Friederich geht's nicht

Nachricht Cadenberge, 26. Oktober 2026
Während andernorts die Uhren automatisch auf Winterzeit umspringen, braucht es in Cadenberge noch einen Menschen, der selbst Hand anlegt: Es ist die Stunde von Guido Friederich, Maschinenbauingenieur im Ruhestand und ehrenamtlicher Betreuer des historischen Uhrwerks von St. Nicolai.
 
Hoch hinauf in die Kirchturmspitze
 
Draußen zerrt der Sturm am Kirchturm von St. Nicolai in Cadenberge. Drinnen knarren die alten Holzbalken, während Guido Friederich Stufe um Stufe hinaufsteigt. Es ist Samstagabend, und das Ziel des 68-Jährigen  liegt hoch oben in der Turmspitze: das mechanische Uhrwerk, das seit 1900 die Zeit anzeigt. 
 

Kurz nach der Pensionierung angesprochen

Guido Friederich ist 68 Jahre alt und seit gut einem Jahr im wohlverdienten Ruhestand. Sein Berufsleben hat er als studierter Maschinenbauingenieur verbracht. Dass er sich auch nach dem Ende seiner Berufstätigkeit mit Zahnrädern, Mechanik und fein abgestimmter Technik beschäftigt, kommt nicht von ungefähr. Pastor Matthias Hövelmann hatte ihn kurz nach seinem Eintritt in den Ruhestand gefragt, ob er sich denn vorstellen könne, die Betreuung der Kirchturmuhr ehrenamtlich zu übernehmen.
 
Fachkenntnis und Freude an der Technik

„Das habe ich gerne gemacht, Feinwerktechnik ist genau mein Ding“, sagt Friederich. Und seitdem ist er der ehrenamtliche Kirchturmbeauftragte von St. Nicolai. Eine Aufgabe, die Fachkenntnis verlangt – und Freude an einer Technik, die auch nach mehr als einem Jahrhundert zuverlässig ihren Dienst tut.
Das Uhrwerk aus dem Jahr 1900 ist kein technisches Schaustück, das nur noch zu besonderen Gelegenheiten bestaunt werden kann. Die feingliedrige Konstruktion funktioniert bis heute – ohne jede Elektronik.
Zweimal in der Woche muss das wuchtige Uhrwerk von Hand aufgezogen werden. Dann sorgt die Mechanik dafür, dass die Zeiger ihren Weg über das Zifferblatt fortsetzen – Minute für Minute, Stunde um Stunde. Tag für Tag.
 
Uhrwerk wird über das Pendel angehalten
 
Auch die Umstellung auf die mitteleuropäische Normalzeit verlangt Handarbeit. Dafür wird das Uhrwerk über das Pendel angehalten. Nach einer Stunde wird es wieder in Gang gesetzt. Anschließend justiert Friederich die genaue Uhrzeit von Hand an der Zeitscheibe des Gehwerks. Was bei modernen Uhren automatisch geschieht, verlangt hier Wissen um das Zusammenspiel der Teile und ein Gespür für die Technik.
 
Seit 126 Jahren unermüdlich im Dienst
 
Besonders anschaulich sind die Zähne am sogenannten Ankerrad, die gemeinsam mit dem Pendel den Takt des Uhrwerks bestimmen. „Die Zähne der Zeit“ nennt Friederich sie scherzhaft. Ein schönes Bild für eine Mechanik, die seit 126 Jahren ihren Dienst versieht – und die nur weiterläuft, weil jemand sich um sie kümmert.
 
Eine "geschenkte" Stunde auch für St. Nicolai
 
Als der Sonntagmorgen übers Cadenberger Land kommt, ist die Uhrzeit richtig eingestellt. Eine Stunde haben auch die Menschen in St. Nicolai durch die Umstellung "gewonnen". Hinter dieser geschenkten Stunde allerdings steckt noch ein wenig mehr: ein alter Turm, ein historisches Uhrwerk und ein pensionierter Ingenieur, der auch im Ruhestand die Zahnräder nicht stillstehen lässt. 
 

Andreas Schoener, Referent für Öffentlichkeitsarbeit im Kirchenkreis Cuxhaven-Hadeln

Zur Person

Guido Friederich war als Maschinenbauingenieur zuletzt mehr als 21 Jahre bei der internationalen Schiffsklassifikationsgesellschaft DNV tätig. Dort befasste er sich mit der Auslegung und Prüfung von Schiffsmaschinenanlagen, darunter LNG- und Gasantriebe für Containerschiffe sowie für das im Cuxland bekannte Seebäderschiff „Helgoland“.

In seinen letzten Berufsjahren spezialisierte sich der heute 68-Jährige auf emissionsarme und emissionsfreie Schiffsantriebe auf Basis von Methanol und Wasserstoff. Im Mittelpunkt standen Wasserstoff-Brennstoffzellenanlagen zur Erzeugung elektrischer Antriebsenergie sowie Wasserstoffbetankungsanlagen für Schiffe.

Zu seinen besonderen beruflichen Leistungen zählt die Mitwirkung als Co-Autor am DNV Handbook for Hydrogen Fuelled Vessels. Das Handbuch bietet eine fachliche Grundlage für die Planung und Auslegung von Schiffen mit Wasserstoffantrieb.

Eine praktische Referenz ist zudem seine Mitarbeit an der Auslegung und Prüfung des Wasserstoffantriebssystems für die „Coastal Liberty“. Das Offshore-Versorgungsschiff verkehrt zwischen Cuxhaven und der Bohrinsel Mittelplate und gilt als das bislang einzige Schiff mit Wasserstoffantrieb in Niedersachsen.

Seinen Einsatz für emissionsfreie Schiffsantriebe versteht Friederich auch als Ausdruck seiner christlichen Überzeugung und seines Engagements für die Bewahrung der Schöpfung.

Nach seinem Eintritt in den Ruhestand im vergangenen Jahr war Friederich beratend tätig. Unter anderem hielt er Vorträge über Schiffe mit Methanol- und Wasserstoffantrieben an maritimen Instituten und Seefahrtschulen.