Andacht und Austausch: Engagierter Dialog der Religionslehrkräfte

Nachricht Otterndorf, 28. August 2026

Ein leerer Bilderrahmen auf dem Taufbecken und die Frage: Was erblicken wir, wenn wir genauer hinschauen? So beginnt das Treffen der Religionslehrkräfte im Kirchenkreis Cuxhaven-Hadeln. Eine Andacht zum Schuljahresbeginn, anschließend ein lebhafter Austausch über die Zukunft des christlichen Religionsunterrichts. Das Miteinander in der Alten Lateinschule ist mehr als ein Plausch bei Kaffee und Kuchen.

"Wir nehmen etwas wahr, das vielleicht schon lange da ist"

„Durch ein Fenster sehen wir nach draußen“, sagt Superintendentin Kerstin Tiemann. Im Altarraum hat sie einen Stuhlkreis mit Gesangbüchern und Gebetszetteln aufgebaut. „Wir nehmen etwas wahr, das vielleicht schon lange da ist und das wir doch bisher nicht gesehen haben. Je nachdem, wo wir stehen und wie wir hindurchsehen, verändert sich unser Blick.“

Für Kerstin Tiemann kann Religion ein solches Fenster zur Welt sein: Sie eröffne Perspektiven auf das Leben, den Menschen, auf Verantwortung, Schuld und Vergebung, auf Hoffnung und auf Gott. Daneben liegen Bibel, Kreuz, Kerze, ein Buch und ein Fragezeichen – für Wissen über christliche Traditionen und Raum für Fragen, auf die es nicht immer schnelle oder eindeutige Antworten gibt.

"Es genügt die Kraft für den nächsten Schritt"

Auch die Lehrkräfte nimmt Tiemann in den Blick: Vorfreude und Anspannung, neue Klassen, volle Kalender, Zuversicht und Müdigkeit. „All das darf heute hier sein“, sagt sie. Niemand müsse schon für alle kommenden Wochen gerüstet sein: „Es genügt die Kraft für den nächsten Schritt, für die nächste Begegnung, für den nächsten Tag.“

In der Alten Lateinschule geht es anschließend um eine Frage, die viele der Anwesenden aus ihrem Schulalltag kennen: Wie verändert sich Religionsunterricht in einer Gesellschaft, in der kirchliche Bindung abnimmt und religiöse Erfahrungen im Elternhaus für viele Kinder und Jugendliche längst nicht mehr selbstverständlich sind?

Religiöse Fragen verschwinden nicht

Kerstin Tiemann und Dr. Lutz Meyer, Schulpastor an der BBS Cuxhaven sowie Beauftragter für Bildung im Kirchenkreis, sind als Einladende beeindruckt, mit welcher Intensität sich die Lehrkräfte gut anderthalb Stunden einbringen. Schnell wird deutlich: Religiöse Fragen verschwinden nicht, wenn Kirchenbindung nachlässt. Schüler fragen nach Sinn und Orientierung, nach Gerechtigkeit und Lebensperspektive – unabhängig davon, ob sie einer Kirche angehören.

Gerade darin sieht die Runde eine wichtige Aufgabe des Faches: Christliche Religion soll verstehbar und kritisch befragbar sein, soll Raum für Gespräche schaffen. Es ginge nicht in erster Linie darum, junge Menschen für den Glauben zu gewinnen. Sie sollen vielmehr christliche Traditionen kennenlernen, unterschiedliche Überzeugungen in den Unterricht einbringen und dann einen eigenen Standpunkt entwickeln.

Zwischen Vielfalt und Veränderung

Auch konkrete Veränderungen des Faches werden an diesem Nachmittag intensiv diskutiert. Mit dem gemeinsamen christlichen Religionsunterricht von evangelischer und katholischer Kirche in Niedersachsen verschieben sich konfessionelle Grenzen. Das Gemeinsame tritt stärker hervor, ohne Unterschiede zu verwischen.

Über das Ameldeverfahren gesprochen

An Grundschulen wird der lebensweltlich ausgerichtete christliche Religionsunterricht weiterhin gut angenommen, berichten die Lehrkräfte. An weiterführenden Schulen indes wird über die Stellung des Faches und die Anmeldeverfahren gesprochen. Aus Sicht der Runde sollte wieder eindeutig sein, dass christlicher Religionsunterricht und das Fach „Werte und Normen“ nicht frei gegeneinander gewählt werden können, wenn der rechtliche Rahmen dies nicht vorsieht.

Ein weiteres Thema ist die sogenannte Vocatio – die kirchliche Beauftragung, Religionsunterricht zu erteilen. Die damit verbundenen fachlichen und kirchlichen Anforderungen stellen eine Hürde für Lehrkräfte dar, die Religion zusätzlich unterrichten möchten, wird kritisch angemerkt. Angesichts des Bedarfs an qualifizierten Religionslehrkräften müsse es deshalb auch darum gehen, Zugänge zu Fortbildung und Qualifikation zu erleichtern, ohne fachliche und theologische Qualität aufzugeben. Als Beispiel wurde das Fach „Werte und Normen“ genannt, das an Universitäten als Drittfach angeboten wird.

Mit der Landeskirche im Gespräch bleiben

Als Vertreter der Landeskirche ist Dr. Dominik Wolff, Pastor aus Stade und Beauftragter für Kirche und Schule im Sprengel Stade, dabei. Er nimmt die Eindrücke und Fragen aus der Runde gern mit. So wird vereinbart, Erfahrungen aus dem Schulalltag stärker mit der Landeskirche zu kommunizieren. Dazu soll im nächsten Schuljahr ein Austausch mit der für Religionsunterricht zuständigen Fachfrau im Landeskirchenamt stattfinden.

Geistliche Stärkung und engagierter Austausch

Nach insgesamt zwei Stunden ist klar: Der Nachmittag in Otterndorf verbindet geistliche Stärkung mit engagiertem Austausch über die Zukunft des christlichen Religionsunterrichts. Dabei bleibt der leere Bilderrahmen im Bewusstsein. Er gibt nichts vor. Er lädt ein, genauer hinzusehen.

Andreas Schoener, Referent für Öffentlichkeitsarbeit im Kirchenkreis Cuxhaven-Hadeln