„Eine Wegstrecke des Lebens teilen" – Pastor Engler im Abschiedsinterview

Nachricht Cuxhaven, 29. August 2026

Nach mehr als 34 Jahren in Cuxhaven geht Pastor Hans-Christian Engler in den Ruhestand. Er hat unter anderem die Gnadenkirche zur Kulturkirche entwickelt, hat neue Gottesdienstformen wie „Quer durchs Leben" geschaffen und hat mit Filmen, Gemeindebriefen und Stadtteilarbeit Kirche neu und kreativ gedacht. Im Interview spricht er über prägende Projekte, kreative Prozesse und die Spuren, die bleiben – keine Denkmäler, sondern Gespräche, Gottesdienste, Gesten.

Wenn Sie beispielsweise auf Ihre Zeit in der Gnadenkirche zurückblicken: Was war Ihnen in bei der Arbeit mit den Menschen besonders wichtig?
Hans-Christian Engler:
Die Arbeit eines Pastors bringt viele Freiheiten mit sich. Die Menschen im Stadtteil Süderwisch und in Emmaus sind sehr offen für neue Wege und Ideen. So konnte vieles ausprobiert und auf den Weg gebracht werden. 2000 gründete sich der Stadtteilverein „Wir in Süderwisch" und initiierte regelmäßige Stadtteilfeste im Sommer. Später kam jeweils am 3. Advent ein „Budenzauber" vor der Kirche hinzu. Hausaufgabenhilfe und Mittagstisch für Kinder führten letztlich zum Bau einer Schulmensa.

An welche Dinge denken Sie außerdem noch gern zurück?
Engler: 
Der Umbau der Gnadenkirche zu einem Multifunktionsraum gehört in diese Reihe. Heute beherbergt dieser Multifunktionsraum die Kulturkirche. Neue Gottesdienstmodelle wie „Quer durchs Leben" sowie Bibliolog- und Filmgottesdienste wurden auf den Weg gebracht. Bei all dem war für mir wichtig, die Menschen in ihrer Lebenswelt mit ihren alltäglichen Fragen zu erreichen und dafür entsprechende Angebote zu entwickeln und Gemeinschaft zu ermöglichen.

Sie haben den Gemeindebrief mitgestaltet, den Konfirmandenunterricht weiterentwickelt sowie Filme mit und für Konfis produziert. Was hat Ihnen besonders gefallen?
Engler: 
Der Kirchenkreis Cuxhaven hat mich bereits früh mit der Öffentlichkeitsarbeit betraut. Da ich von Anfang an sehr PC-affin war, habe ich die Gestaltung der Homepage des Kirchenkreises Cuxhaven übernommen. Den Gemeindebrief der Gnadenkirche habe ich bereits früh am PC erstellt und in einer Druckerei in Altenwalde einfarbig drucken lassen. Für mich waren die Arbeiten „Visitenkarten" von Kirche, die neugierig machen sollten. Für mich war entscheidend die Lust an kreativen Prozessen.

Was hat sich an dieser Arbeit im Laufe der Jahre verändert?
Engler: 
Als das Arbeitsamt sogenannte Ein-Euro-Jobs finanzierte, konnte eine Filmausrüstung angeschafft werden. Und ich hatte einen Helfer, mit dem ich eine Dokumentation erstellte über eine Familie im Stadtteil, die nach elf Jahren der Duldung zurück in den Kosovo abgeschoben werden sollte. Der Film auf DVD wurde dann an alle Landtagsabgeordneten verschickt. Nach einem langen und mühsamen Ringen mit der Politik erhielt die Familie nach zwei Jahren ein Bleiberecht. Heute kandidiert der Familienvater für den Rat der Stadt.

Was bedeutete das für Ihre weitere Gemeindearbeit?
Engler: 
Für mich wurde der Film ein wichtiges Medium, insbesondere in der Konfirmandenarbeit. So entstand beispielsweise ein Projekt unter dem Motto „Ein Wochenende – ein Film". Die Jugendlichen mussten in einer Arbeitseinheit eine biblische Geschichte in Szene setzen, die dann am Sonntag der Gemeinde als Film im Gottesdienst präsentiert wurde.

Apropos Gottesdienst: „Quer durchs Leben“ ist in Erinnerung geblieben. Welche Idee steckte dahinter?
Engler: 
Nach dem Umbau der Gnadenkirche haben wir an einer Ausschreibung des Zentrums für Gottesdienst und Kirchenmusik in Hildesheim teilgenommen. Gesucht wurden neue Ideen, Gottesdienste zu feiern. Mit unserem Modell, das auf eine Predigt im Gottesdienst verzichtet, sind wir in die Förderung gekommen und wurden über ein Jahr lang bei der Entwicklung des Modells gefördert.

Eindrucksvoll. Wie ging es denn weiter?
Engler: 
Alle geförderten Modelle wurden in dem Buch „Brannte nicht unser Herz" des Michaelisklosters dokumentiert. Leitend für uns waren Fragen rund ums Thema „Quer durchs Leben", die wir mit Akteuren vor Ort in einem Gottesdienst aufgegriffen und gestaltet haben. Den Auftakt bildete die Frage „Pubertät – oder wie küsst man einen Kaktus?". Hierbei konnten wir Mitarbeitende der Kinderambulanz des Krankenhauses als Interviewpartner im Gottesdienst gewinnen. Ein Jugendlicher brachte eine Hip-Hop-Tanzeinlage zum Besten, Videoeinspielungen und eine Sprechmotette vertieften das Thema. Fürbitten wurden von den Gästen auf Zetteln formuliert und zum Schluss vorgetragen. Insgesamt haben wir 38 „Quer durchs Leben"-Gottesdienste gefeiert.

Die Gnadenkirche wurde mit dem KulturYard zum „KulturRaum“, später kam die Anerkennung als „Kulturkirche“ hinzu. Warum war Ihnen diese Entwicklung wichtig, und weshalb sollte Kulturarbeit in einer Kirche auch künftig ihren Platz behalten?
Engler: 
Die Weiterentwicklung der Gnadenkirche zur Kulturkirche ist für mich ein wichtiger Schritt, um Kirche zu öffnen und weiter danach zu fragen und zu hören, was Menschen umtreibt. Kunst und Kultur sind für mich Ausdrucksformen genau dieser Fragen. Die biblischen Traditionen mit diesen Fragen in eine Auseinandersetzung zu bringen, ist für mich ein schöpferischer und für beide Seiten fruchtbarer Prozess. Außerdem ist gerade in Zeiten schwindender Ressourcen Kirche gefordert, neue Formen der Nutzung ihrer Gebäude zu finden. Hier hat die Gnadenkirche schon früh die Zeichen der Zeit erkannt.

Wenn Sie auf Ihren Pastorendienst schauen: Welche Spuren sollen bleiben?
Engler: 
Ein Denkmal möchte ich sicherlich nicht hinterlassen. Das „pastörliche Dasein" ist ein Privileg. Man kann die großen Fragen des Woher und Wohin des Lebens bewegen und wird dafür noch bezahlt. Mir war es wichtig, bei meinen Fragen des Lebens andere mitzunehmen und zu hören, was sie gerade bewegt. Oft haben diese beiden Bewegungen zueinander gefunden und einander bereichert. Deswegen bin ich allen Menschen dankbar, die mich auf diesem Weg begleitet haben und mit denen ich eine Wegstrecke des Lebens teilen durfte. Auch wenn es nur ein Gespräch, ein Gottesdienst, eine Geste gewesen ist. Für mich sind das Spuren, die bleiben.

Interview: Andreas Schoener, Referent für Öffentlichkeitsarbeit im Kirchenkreis Cuxhaven-Hadeln

Andacht zum Abschied

Offiziell in den Ruhestand verabschiedet wird Pastor Hans-Christian Engler am Montag, 31. August 2026. Zur festlichen Andacht, die um 12 Uhr in der Emmaus-Kirche in Cuxhaven beginnt, sind alle interessierten Bürgerinnen und Bürger herzlich eingeladen. Die liturgische Leitung liegt in den Händen von Superintendentin Kerstin Tiemann. Nach der Andacht ist ein kleiner Empfang in den Räumlichkeiten an der Regerstraße 41 geplant.