Auf ein Wort

"So feiern wir die Liebe als ein Geschenk Gottes an uns"

Eine der modernen freiheitlichen Errungenschaften unserer Zeit ist es, dass jeder und jede die eigene Liebe und Sexualität leben kann, wie er oder sie dass möchte. Die einzige Einschränkung ist die beiderseitige und mündige Einwilligung.

"Eine Fülle von Angeboten und Möglichkeiten"

So bunt und vielfältig wie wir Menschen sind, so bunt und vielfältig ist auch die Art, wie wir Partnerschaften pflegen und ausdrücken wollen. So gibt es heute auf dem Heiratsmarkt eine Fülle von Angeboten und Möglichkeiten, aus denen gewählt werden kann.

"Bei kirchlichen Trauungen haben viele eine klassische Form im Kopf"

Ich persönlich freue mich über alle Paare, die sich für einen christlichen Segen entscheiden. Doch gerade bei kirchlichen Trauungen haben viele vor allem eine klassische Form im Kopf, und für diese Form braucht es oft viel Organisation und finanzielle Mittel.

Landeskirche bietet Möglichkeit für Paare an, sich segnen zu lassen

Unter dem Motto: ‚Die Liebe feiern – „einfach heiraten“‘ bietet die Landeskirche Hannovers am 26.06.2026 an 75 Orten eine Möglichkeit an, sich als Paar im festlichen Rahmen segnen zu lassen. Die Region Ost (Kirchengemeinde an der Oste, Hechthausen und Lamstedt) bietet an mehreren Orten ebenfalls diese Gelegenheit.

Segen mit Dank für Bisheriges und mit Blick auf die Zukunft verbinden

Ihr seid schon lange standesamtlich verheiratet – aber ein Segen wäre noch schön? Ihr seid schon lange kirchlich verheiratet – und wollt den Segen mit Dank für Bisheriges und mit Blick auf die Zukunft verbinden. Vielleicht zu einem Ehejubiläum? Ihr seid nicht verheiratet, möchtet aber Eure Liebe segnen lassen?

Dann feiern wir Eure Liebe – und Ihr steht im Mittelpunkt

Ihr könnt Euch vorher eine Zeit reservieren oder einfach spontan vorbeikommen. Ein Team aus Pastor:innen sind dann da nimmt sich Zeit für ein Gespräch mit Euch, Ihr sucht Euch ein Bibelwort aus und Musik aus der Playlist der Musiker und Musikerinnen vor Ort. Und dann feiern wir Eure Liebe – und bei der Feier steht Ihr im Mittelpunkt. Lauter Segen wird Euch geschenkt für das gemeinsame Leben. Und danach könnt Ihr direkt bei uns auf Eure Liebe anstoßen.

Einfach vorbeikommen oder vorher kurz anmelden

Soll der 26.6.26 der Tag sein, an dem Ihr Eure Liebe segnen lasst? Dann kommt vorbei. Oder meldet Euch vorher bei Pastor Peter Seydell, Pastorin Martina Wüstefeld, Pastorin Christina Kleingeist, Johannes Drechsler oder Pastorin Betina Dürkop.

So können wir Eure Hochzeit auch in die Kirchenbücher eintragen

Wenn Euch an diesem Tag eine kirchliche Trauung wichtig ist und eine Person von Euch beiden evangelisch ist, bringt bitte Eure standesamtliche Trauurkunde mit. So können wir Eure Hochzeit auch in die Kirchenbücher eintragen. Wenn Ihr Euch einfach einen Segen wünscht, weil er gerade jetzt für Euch als Paar wichtig ist oder Ihr nicht evangelisch seid, freuen wir uns genauso.  So feiern wir die Liebe als ein Geschenk Gottes an uns und lassen uns daran erinnern, dass sein Segen uns überall hin begleitet.

Betina Dürkop, Pastorin in der Börde Lamstedt

"Ich wünsche uns, dass wir die richtige Zeit zum Reden und zum Schweigen erkennen"

Sicher kennen Sie und Ihr die Redewendung: Reden ist Silber – Schweigen ist Gold. Ich frage mich – ist das so?
Diese Redewendung hat einen biblischen Ursprung. Im Luthertext lautet sie: «Der eine schweigt und wird deshalb für weise gehalten; der andere macht sich unbeliebt, weil er viel redet."( Jesus Sirach 20,5)

"Zitat gerade in dieser Zeit fragwürdig"

Ich selber halte dieses Zitat gerade in dieser Zeit für fragwürdig. Ist Schweigen Gold? Anfang vergangenen Jahres hatte die Kirche eine Kampagne für Menschenwürde, Nächstenliebe und Zusammenhalt. Genau das sind die christlichen Grundwerte, an denen sich Kirche orientiert. Und ob ich gläubig bin, oder nicht, diese Werte machen uns als Menschen aus.

"Wenn ich zu Unrecht schweige, dann lasse ich es zu"

Orientiere ich mich in dieser vielfältigen Gesellschaft an Jesu Vorbild, dann stimmt diese Redewendung nicht. Wenn ich zú begangenem, und auch kommendem Unrecht schweige, dann lasse ich es zu. Wenn ich zu Menschenverachtung schweige, dann unterstütze ich sie indirekt. Wie bewusst sind wir uns unserer Verantwortung?

"Kirche ist durch uns Menschen Teil der Gesellschaft"

Jede und jeder von uns ist da gefragt. Und ich freue mich, dass Kirche nicht ausschließlich schweigt. Sie ist auch durch uns Menschen Teil der Gesellschaft.
Ich wünsche uns, dass wir die richtige Zeit zum Reden und zum Schweigen erkennen.

"Als Mitmenschen und Christinnen deutlich gefragt"

In Jesus Sirach heißt es ein paar Verse weiter: "Ein weiser Mensch schweigt, bis er seine Zeit gekommen sieht; aber ein Prahler und Narr achtet nicht auf die rechte (richtige)Zeit .“
Wann ist es Zeit zu reden und wann ist es Zeit zu schweigen?
Wann hören wir hin? Wann mischen wir uns ein?
Ich denke: da wo Grenzen von Menschen überschritten werden, da wo Menschenwürde nicht zählt, da sind wir als Mitmenschen und Christinnen deutlich gefragt.

„,Nie wieder ist jetzt.' Dazu möchte ich uns ermutigen"

Nicht unser Schweigen, nicht unsere Ignoranz.
„Nie wieder ist jetzt." Dazu möchte ich uns ermutigen.
Margot Friedländer lebte ihr Leben gegen das Vergessen.
Sie hinterließ an uns die Bitte: Seid Menschen!, Und genau dazu bitte ich Gott um seinen Segen.

Imme Koch-Seydell, Diakonin in der Gesamtkirchengemeinde Am Dobrock

"Menschenwürde, Nächstenliebe und Zusammenhalt sind solchen Einsatz wert"

Erinnern Sie sich: Vor knapp einem Jahr fand die letzte Bundestagswahl statt. Neben vielen standardmäßigen Abläufen der damaligen Wahl gab es eine Besonderheit: Die katholische Kirche und die evangelischen Landeskirchen hängten an vielen ihrer Gebäude große Banner auf: „Für Menschenwürde, Nächstenliebe, Zusammenhalt“.

"Das gehört zur demokratischen Kultur"

Die demokratische Wahl hat dann stattgefunden; es gibt neue Mehrheiten im Bundestag; eine andere Regierung ist im Amt.
Politische Diskussionen und Auseinandersetzungen finden auch seitdem weiter statt; das gehört zur demokratischen Kultur.

"Verschiedene Plattformen im Internet befeuern solche Strömungen"

Leider finden auch weiterhin unsachliche Hetze und das Verdrehen von Tatsachen statt. Verschiedene Plattformen im Internet befeuern solche Strömungen.
Man kann dann oft lautstark, plakativ – und vielfach unsachlich hören, WOGEGEN jemand ist. (Selten ist das wirklich hilfreich und weiterführend.)

Einzelne Personen oder Gruppen als "Sündenböcke" benannt

Dabei werden vielfach einzelne Personen oder Gruppen als „Sündenböcke“ benannt. Nach dem Motto: „Die“ müssen bloß weg sein, dann wird alles wieder gut werden! (Auf wundersame Weise?)

Sagen, wogegen man jeweils ist

Ich denke, es wäre weiterführender und zukunftsträchtiger, wenn man sagen würde, WOFÜR man jeweils ist. – Und damit meine ich nicht Aussagen wie: „Ich bin dafür, dass die und die wegkommen!“ Das ist nur eine verschleierte Formulierung für „Ich bin GEGEN die und die.“

"Ein Weg, der eher Problemlösungen verspricht"

Ja, oft ist es mühsamer, zu sagen WOFÜR man ist und WIE man das KONKRET erreichen möchte. Doch das ist ein Weg, der eher Problemlösungen verspricht als ein „Dagegen“-Weg. Mühsam ist das, weil man sich dann mit den Einzelheiten beschäftigen und unterschiedliche Argumente abwägen muss. Anstrengend, weil man seine bisherigen Standpunkte vielleicht an manchen Stellen korrigieren muss.

"Verfassung und christliche Grundwerte sind eng beieinander"

Doch ich denke: Menschenwürde, Nächstenliebe und Zusammenhalt sind solchen Einsatz wert – Einsatz nicht nur von Christinnen und Christen, sondern von allen. Denn die Werte unserer Verfassung und die christlichen Grundwerte sind inhaltlich ganz eng beieinander.

"Freue mich über Einsatz für demokratische, friedliche Gesellschaft"

Deshalb freue ich mich über einzelne Menschen, Gruppen und Initiativen, die sich in diesen Zeiten an verschiedenen Orten einsetzen für eine demokratische, friedliche Gesellschaft – gerade auch angesichts der bevorstehenden Kommunalwahl kommenden September hier bei uns.

"Für Menschenwürde, Nächstenliebe und Zusammenhalt – für Alle"

Ich freue mich über Menschen, die nicht hetzen gegen andere Personen, sondern die sich einsetzen  FÜR MENSCHENWÜRDE, NÄCHSTENLIEBE UND ZUSAMMENHALT — für ALLE Menschen. Und ich wünsche mir, dass viele, viele hier sich für diesen Weg selber aktiv einsetzen!

Peter Seydell, Pastor in Lamstedt und der Region Ost im Kirchenkreis Cuxhaven-Hadeln

"Es geht um einen ausgewogenen Weg, Zugang zu eigenen Gefühlen zu finden"

Unsere Gesellschaft braucht mehr gesunden Umgang mit Gefühlen. Mit den eigenen und denen der anderen. Wir brauchen einen Zugang zu unseren eigenen Emotionen, bevor wir explodieren. In den Nachrichten hören wir vom erschreckenden Egoismus von Trump und Putin. Wie leicht ist es, bei der nächsten Gelegenheit in Hasstiraden über sie zu verfallen. Und verständlich! Wie viel besser und für uns entspannter wäre es, erstmal die eigenen Gefühle wahrzunehmen: den Ärger, das Unverständnis, die Angst, wo das noch alles hinführt – bevor unsere Wut sich Bahn bricht.

Nein hören können, ohne in einen Wutauscbruch zu verfallen

Ob als Kinder oder als Erwachsene: Es ist wichtig, ein Nein hören zu können, ohne in einen Wutausbruch zu verfallen. Dass wir Zugang zu unseren Gefühlen bekommen, wahrnehmen und spüren, wie es uns geht, bevor wir reagieren. Und auch wahrzunehmen, wie es dem/der anderen geht – sehr wichtig für unseren Zusammenhalt!

Wieder in Kontakt kommen mit seinen Gefühlen

Manche Menschen sind wie von ihren Gefühlen abgeschnitten. Wenn es persönlich wird und zu eigenen Emotionen kommt, gehen sie ins Allgemeine, in die Fakten, schalten den Erklärbär ein, verlieren den Blickkontakt, gehen in die Ironie oder ganz weg.

"Hier musst du funktionieren"

Das Rationale scheint mir in den letzten Jahrzehnten überbetont. Eine Hochhaussiedlung zaubert einem von der Architektur her selten ein Lächeln ins Gesicht! Viele Schulen und Krankenhäuser machen schon äußerlich deutlich: Hier kannst du nicht zu Hause sein, hier musst du funktionieren, hier bist du ein Patient, aber nicht in erster Linie ein Mensch. Hier geht es um Inhalte und nicht um Beziehung und Wohlfühlen.

Nicht nur Verstehen, sondern Lernen als Persönlichkeit

Dabei werden in den Schulen inzwischen immer mehr andere Schwerpunkte gelegt: dass wir neben Inhalten mehr Skills lernen, das, was für das Leben heute wichtig ist – einschließlich einer gesunden Wahrnehmung von Gefühlen und eines guten Umgangs damit. Im Englischen heißt das Wort für Bildungswesen „humanities“, auf Lateinisch sind es die „artes liberales“ – die freien Künste für die innere Erziehung des Menschen. Und das brauchen wir heute wieder mehr: nicht nur ein Verstehen, das auf Funktion reduziert ist, sondern ein Lernen als Persönlichkeit – mit Zugang zu eigenen Gefühlen. Dass wir nicht nur gegen Krebs naturwissenschaftliche Mittel finden, sondern auch trösten und beistehen lernen, verstehen, zuhören, einfühlen können, Lebensreichtum behutsam teilen, Wege auch emotional finden, wie es weitergehen kann.
Manche fallen heute auch auf die andere Seite vom Pferd: Die eigenen Befindlichkeiten werden überbetont und alles wird dem untergeordnet. Aber es geht um einen ausgewogenen Weg, Zugang zu eigenen Gefühlen zu finden.

"Das können wir brauchen in einer übererregten Gesellschaft"

Dabei kann die Bibel helfen! In der Mitte dieses lebensprallen Buches gibt es eine Gebetssammlung, die Psalmen. Hier findet man zahlreiche Beispiele, wie Menschen Zugang zu ihren Gefühlen bekommen und dabei Gott mit hineinnehmen. Was für eine gute Idee! Gerade wenn man das Gefühl hat, dass in dieser Welt mächtig viel schiefläuft und dann Sätze liest wie: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ (Psalm 23,1). Das entspannt. Das können wir brauchen in einer übererregten Gesellschaft.

Erik Neumann, Pastor in St. Nicolai Altenbruch

"So schnell ist man wieder drin im Betriebsmodus und wundert sich"

Schon am zweiten Tag des neuen Jahres hatte ich das Gefühl, dass mindestens zwei Wochen vergangen wären. Zeit ist auch nicht mehr das, was es früher mal war…! So schnell ist man wieder drin im Betriebsmodus und wundert sich, dass alles so schnell läuft und trotzdem so vieles beim Alten bleibt.
Hartmut Rosa nennt das den Zustand des „rasenden Stillstands“. Die Gesellschaft rast und hat zugleich den Sinn für die Bewegung verloren. Sie verharrt und ist erstarrt. Auch die vollmundig klingende Jahreslosung für 2026, „Siehe, ich mache alles neu“, reißt das Ruder für mich nicht herum und hört sich eher an wie eine hilflose Verheißung.

Wo ist der Weg raus aus dem „rasenden Stillstand“?

Was also tun? Wo ist der Weg raus aus dem „rasenden Stillstand“? Wie kommt Bewegung in uns? Wie entsteht Neues?

Hartmut Rosa redet vom „hörenden Herzen“ als Alternative zum ständigen Druck, in allen möglichen Bereichen immer besser, schneller, innovativer werden und wachsen zu müssen. Seine These ist: Wir müssen uns anrufen lassen…und deshalb aufhören! Wie das???

„Das ist eins meiner Lieblingswörter – aufhören…"

Er erklärt es so: „Das ist eins meiner Lieblingswörter – aufhören…Einerseits meint dieses großartige Wort „aufhören“ anhalten, stoppen. Andererseits heißt das Wort auf-hören, dass ich, während ich am Abarbeiten der To-do-Liste bin, mich im Hamsterrad, im rasenden Stillstand verausgabe, aufwärts höre, nach außen lausche, mich anrufen und erreichen lasse von etwas anderem, von einer anderen Stimme, die etwas anderes sagt als das, was auf meiner To-do-Liste steht und was sowieso erwartbar ist und sozusagen im funktionalen Austausch besteht.“ (Demokratie braucht Religion, S. 56)

"Die Möglichkeit, dass etwas Neues entsteht"

Und wenn das geschieht, wenn ich in Resonanz trete mit etwas oder einem anderen, dann eröffnet sich daraus die Möglichkeit, dass etwas Neues entsteht. Dass ein völlig neuer Gedanke gedacht wird und dass z.B. eine Diskussion auf einmal kein Schlagabtausch mehr ist, sondern ein echtes Gespräch.

Das wäre was: Auf-hören, um neu anzufangen!

Vielleicht lasse ich mir die Jahreslosung doch noch mal durch Kopf und Herz gehen! Denn es kann ja sein, dass sie etwas in mir auslöst, was ich überhaupt nicht erwarte! 

Sabine Badorrek, Pastorin in St. Abundus Groden

"Es bedeutet, einen Anker zu haben, an dem wir uns festhalten können"

Heute ist das neue Jahr bereits zehn Tage alt.
Können wir also einfach zur Tagesordnung übergehen?
„The same procedure as every year?“ – wohl kaum.

Verunsicherung und Verzweiflung

Zu vieles auf dieser Welt spricht dagegen. Menschen hungern, Kriege toben, und skrupellose Machthaber treiben mit ihrem Größenwahn ganze Gesellschaften in Verunsicherung und Verzweiflung.
Inmitten dieses Weltenchaos fällt es schwer, den Blick auf das Naheliegende zu richten: auf das, was direkt vor unserer Haustür geschieht. Auf das, was wir selbst tun können, um auch nach Advents- und Weihnachtszeit ein Licht zu bleiben – eines, das nicht verlischt, selbst wenn die Dunkelheit schwer auf uns lastet.

Nicht billige Beruhigung, sondern verlässlicher Halt

Und doch gilt gerade hier, gerade jetzt Gottes Zusage von Kraft.
Nicht als billige Beruhigung, sondern als verlässlicher Halt.

Im 46. Psalm heißt es:
„Gott ist uns Zuflucht und Stärke, ein bewährter Helfer in allen Nöten.
Darum fürchten wir uns nicht, auch wenn die Erde erbebt
und die Berge mitten ins Meer sinken.“

„… und dennoch nicht losgelassen sind“

Dieses Vertrauen tut gut. Gerade darin liegt eine Kraft, die wunderbar wirkt: dass wir nicht alles verstehen, nicht alles wenden oder retten können – und dennoch nicht losgelassen sind.

Diesen Anker sichtbar machen

Ein neues Jahr bedeutet dann nicht, dass alles gut wird.
Aber es bedeutet, einen Anker zu haben, an dem wir uns festhalten können, wenn die Welt um uns herum ins Schwanken gerät. Und vielleicht liegt unsere Aufgabe genau darin: diesen Anker sichtbar zu machen – durch kleine Gesten, durch gelebte Nächstenliebe, durch das stille Festhalten an dem, was wirklich trägt.

Andreas Schoener, Referent für Öffentlichkeitsarbeit im Kirchenkreis Cuxhaven-Hadeln

"Und dabei bitte ich Gott, meine Vorsätze mit viel Gnade zu umhüllen"

Was machen eigentlich Ihre guten Vorsätze aus der Neujahrsnacht? – Haben Sie die Süßigkeiten und Knabbereien bis jetzt links liegen gelassen? Sind Sie heute schon joggen gewesen? Machen Sie noch Diät? Oder was war es doch gleich, was Sie 2026 in Ihrem Leben ändern wollten? Das Problem mit den guten Vorsätzen ist schon in der Bibel bekannt. Der Apostel Paulus schreibt in einem seiner Briefe: Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich (Römer 7, 18.19).

"Man fühlt sich doppelt schlecht und verfällt in alte Rollenmuster"

Vielen nehmen sich schon gar keine Neujahrsvorsätze mehr vor. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man dann am dritten oder vierten Tag des Jahres – oder wann auch immer – enttäuscht von sich selbst ist, da man es wieder nicht geschafft hat, was man sich Gutes vorgenommen hat. Man fühlt sich doppelt schlecht und verfällt in alte Rollenmuster.

"Wenn die Umstände sich bessern, dann bessere ich mich auch?"

„Ich habe keine Neujahrs-Vorsätze, jetzt sind mal die Umstände dran, sich zu bessern“, das hat mal jemand zu mir gesagt. Na, da hat es sich ja jemand leicht gemacht: Wenn die Umstände sich bessern, dann bessere ich mich auch? Also, wenn der Supermarkt keine Süßigkeiten anbietet, dann kann ich keine kaufen, wenn das Wetter nicht so trübe wäre, würde ich joggen oder mindestens spazieren gehen… 

"Wir müssen schon selbst unseren kleinen Beitrag leisten..."

So einfach ist es leider nicht. Wir müssen schon selbst unseren kleinen Beitrag dazu leisten, dass sich die Umstände ändern im Großen wie im Kleinen. Sonst bleibt „Wieder alles wie immer“. So lautet übrigens der Titel des neuen Stromberg-Films, der 20 Jahre nach dem Start der Serie Anfang Dezember in die Kinos gekommen ist.

"Er leidet schlicht und einfach an Selbstüberschätzung"

Und wenn jemand seine Ziele zu hoch steckt, dann ist es Stromberg. Er ist der einzige in seinem Großraumbüro, der alles erklären kann, alles besser weiß und dabei selbst regelmäßig scheitert. Er leidet schlicht und einfach an Selbstüberschätzung. Ich sehe bei Stromberg auch Parallelen zu uns und unseren Neujahrsvorsätzen.  

"Idh will mir Gutes vornehmen und trotzdem gnädig bleiben"

Vielleicht sollten wir unsere Ziele nicht zu hoch schrauben und gnädiger sein mit uns und der Welt. Ich jedenfalls will mir Gutes vornehmen für das neue Jahr und trotzdem gnädig bleiben mit mir und anderen. Und dabei bitte ich Gott, meine Vorsätze mit viel Gnade zu umhüllen. Mit seiner Hilfe wird es gut. 

Astrid Friedrichs, Pastorin in Lüdingworth

"Die Vergangenheit ist das Fundament, auf dem wir unsere Zukunft bauen"

Neues Jahr, neues Glück? Schwer vorstellbar, daß sich so etwas wie Glück nach dem Kalender richtet. Faktisch wird doch lediglich aus einer 5 eine 6. Das ist ein "Fortschritt", der schon in schulischen Zeiten wenig mit Glück zu tun hatte.

"Schutzritual zur Abwehr böser Geister"

Auch das Silvesterfeuerwerk hat nichts mit Glück zu tun. Jene gesetzlich legitimierte Schädigung von Mensch und Natur geht zurück auf ein magisches Schutzritual zur Abwehr böser Geister. Doch die wenigsten, die mit ihren Böllern von allen guten Geistern verlassen scheinen, teilen noch diesen Glauben.

"Möge dein Name im Buch des Lebens eingetragen sein"

Wer sich zu Silvester einen ,guten Rutsch' wünscht, denkt dabei eher nicht an Glatteis. Nach einer Theorie soll dieser Wunsch auf das jüdische Neujahrsfest ,Rosch Ha-Schaná' rekurrieren. An ihm gedenken Juden der Weltschöpfung und des kommenden Gerichts. Dem jüdischen Glauben nach schreibt Gott an diesem Tag die Namen der Menschen für das neue Jahr schicksalhaft in eines der beiden Bücher. Der dazu passende Wunsch ist folglich: Möge dein Name im Buch des Lebens eingetragen sein (und nicht woanders!). Mit einem glücklichen Zufall hat das nichts zu tun, doch es kommt der Sehnsucht nach Glück nahe, die heute mehrheitlich mit dem Jahreswechsel verbunden wird: der Sehnsucht nach Neuanfang, nach einer Wendung zum Guten.

"Noch einmal von vorn anfangen"

Neues Jahr, neues Glück!  Noch einmal von vorn anfangen. Alles auf null setzen. Die Karten neu mischen. Raus aus den Sackgassen des Alltags in Beruf, Beziehung, Gesundheit, Ernährung u.v.m. Sich wenigstens für 24 Stunden der Illusion hingeben, als wäre es möglich, die Vergangenheit vergangen sein zu lassen und sich gänzlich neu erfinden zu können.

"Wir werden unsere Vergangenheit nicht los"

In Freiheit ist vieles möglich, wenn man will, nichts aber, wenn man nicht will. Doch eines ist unmöglich, so sehr wir es auch wollen: wir werden unsere Vergangenheit nicht los. Sie ist das Fundament, auf dem wir unsere Zukunft bauen.

"Wir können unsere Ansichten und unser Verhalten ändern"

Doch diese darf gut und gerne eine andere sein als heute. Die Opfer von Globalisierung, Gewalt und sozialer Ungerechtigkeit fordern es ein. Wir können das Rad der Zeit zwar nicht zurückdrehen, doch wir können unsere Ansichten und unser Verhalten ändern. Und der richtige Zeitpunkt, um damit anzufangen, ist ... »wann, wenn nicht jetzt?« (Christa Wolf, 1968).

Axel Scholz, Pastor in St. Marien Neuenkirchen, St. Petri Osterbruch und St. Severi Otterndorf

"Er verwandelt Herzen, heilt Wunden, lässt neues Leben wachsen"

Heute wird das letzte Türchen geöffnet. Kein heimliches Spähen mehr am Morgen, kein Zählen der Tage – heute ist Heiligabend. Der Advent ist zu Ende. Was bleibt, ist dieser besondere Moment: ein letztes Öffnen, ein letztes Innehalten, bevor Weihnachten wirklich beginnt.

Sehr persönliche Botschaften

Viele Adventskalender sind in diesem Jahr sehr persönlich gestaltet worden – mit kleinen Botschaften, liebevollen Gesten, vielleicht sogar mit einem kleinen Liebesbrief für das eigene Kind oder den Partner. Liebe, die man anfassen kann. Liebe, die man Tag für Tag öffnet.
Und ich frage mich: Wenn Gott selbst diesen letzten Tag gestaltet – was legt er wohl heute hinter das letzte Türchen? Vielleicht diese Worte: „Fürchte dich nicht. Ich bin da. Mein Licht ist bei dir.“
Heiligabend ist kein Tag der großen Erklärungen. Er ist ein Tag der Nähe. Gott kommt nicht mit Macht, sondern mit Verletzlichkeit. Nicht laut, sondern leise. In einem Kind, das in einer Krippe liegt. Gott macht sich klein, um uns nahe zu sein. Gerade in einer Welt, die uns oft überfordert – mit Kriegen, Hunger, Klimakrise und persönlichen Sorgen – ist diese Botschaft so kostbar. Gott nimmt uns die Dunkelheit nicht einfach ab. Aber er geht mit hinein. Und er zündet ein Licht an, das bleibt.

Sein Frieden ist mehr als die Abwesenheit von Streit

Die Bibel nennt dieses Kind den Friedensfürsten. Sein Frieden ist mehr als die Abwesenheit von Streit. Er verwandelt Herzen, heilt Wunden, lässt neues Leben wachsen. Er durchbricht die Spirale aus Gewalt und Resignation – nicht mit Waffen, sondern mit Liebe und Gnade.
Und dieser Frieden will weitergetragen werden. Wir sind nicht machtlos. Wo wir einander zuhören, wo wir vergeben, wo wir teilen und Hoffnung schenken, da wird das Licht von Weihnachten sichtbar – mitten im Alltag.

Das ist das Wunder von Weihnachten

Heute Abend feiern wir, dass Gott Mensch geworden ist. Dass er kommt – zu uns, für uns, mit uns. Das ist das Wunder von Weihnachten.

Möge dieses Licht in uns aufgehen.
Möge der Friede Christi unsere Herzen erfüllen.
Und möge von uns etwas weiterleuchten von der Liebe, die heute hinter dem letzten Türchen auf uns gewartet hat.
Gesegnete Weihnachten!

Kerstin Tiemann, Superintendentin im Ev.-luth. Kirchenkreis Cuxhaven-Hadeln

"Wichtig war der kleine Mensch in der Krippe, der so etwas Wundervolles ausstrahlte"

Als ich vorhin nach Hause fuhr, hörte ich im Radio einen kurzen Bericht über den „Ugly Christmastree“ von Holzminden. Offenbar bekam die Stadt einen sehr unansehnlichen Tannenbaum geliefert – dürr, nicht gerade das, was man sich als Tannenbaum wünscht. Stattlich war er schon gar nicht. Kein Wunder, dass sich Hohn und Spott über die Holzmindener ergoss. Aber der Bürgermeister entschied: Der Baum bleibt! Wäre doch gelacht, wenn wir den nicht schön schmücken könnten – und dann lacht niemand mehr über den Baum und über uns.

Nun glänzt der Baum in seinem festlichen Schmuck

Und so kam es auch. Nun glänzt der Baum in seinem festlichen Schmuck, Kerzen bringen die vielen Weihnachtskugeln zum Schimmern – und durch diesen Baum wird auch noch Gutes getan. Denn jeder, der sich mit dem Baum ablichtet, der muss 3 Euro bezahlen. Die gehen an die „Tafel Holzminden“. So sorgt dieser Weihnachtsbaum, der keiner Norm entspricht, dafür, dass Gutes getan wird.

"Das hat nur zu Verdruss geführt – Stress pur!"

Warum ich Ihnen diese Geschichte erzähle? Weil mein Mann und ich schon ein paar Jahre nicht mehr versuchen, den aller-, wirklich allerschönsten Baum der Schonung zu schlagen. Das hat nur zu Verdruss geführt. Bäume, die mein Mann schön fand, waren nicht das, was ich mir unter dem perfekten Baum vorstellte. Und umgekehrt. Stress pur! Seitdem wir uns darauf geeinigt haben, dass wir den Baum nehmen, der übrig geblieben ist, weil er vielleicht zwei Spitzen hat oder schief und krumm ist, seitdem gestaltet sich unser Tannenbaumkauf viel entspannter.

"Für ein paar Wochen nochmal so richtig rausputzen"

Warum wir ausgerechnet den hässlichsten Baum haben wollen, den, den niemand wollte? Weil wir den Gedanken nicht schön finden, dass dieser Baum im Schredder landet. Schlimm genug, dass er gefällt wurde. Aber wenn das schon so ist, dann soll er wenigstens ein paar Wochen noch einmal so richtig rausgeputzt für Aufsehen sorgen. „Ugly Christmastree“ bei Wüstefelds im Wohnzimmer.

"Damals, als Jesus geboren wurde, da war nichts perfekt"

Seitdem wir uns bemühen, den hässlichsten Übrigbleiber zu uns einzuladen, scheint mir auch unser Weihnachtsfest entspannter zu sein. Ob es daran liegt, dass wir erkannt haben: Weihnachten, das hat nichts mit Perfektion zu tun? Damals, als Jesus geboren wurde, da war nichts perfekt. Das Dach über dem Kopf löchrig, kein gemütliches Kinderbettchen, sondern pieksendes Stroh. Kalt war es bestimmt auch. Und Maria und Josef fühlten sich nicht willkommen, waren geradezu ausgestoßen. Am ersten Weihnachten war wirklich alles schief und krumm. Aber das hat die Hirten zum Beispiel nicht gekümmert. Sie folgten dem hellen Schein, sie kamen dem Neugeborenen ganz, ganz nahe. Näher bestimmt, als sie ihm in einem Palast gekommen wären. Und plötzlich war das ganze Drumherum mit Stroh und Loch im Dach gar nicht mehr wichtig. Wichtig war der kleine Mensch in der Krippe, der so etwas Wundervolles ausstrahlte, von dem ein großer Frieden ausging.

"Von Liebe, Mitmenschlichkeit, Offenheit und Frieden geprägt"

Das wünsche ich Ihnen auch, heute, am 4. Advent, so kurz vor Weihnachten: Ein Fest, das nicht von Perfektion geprägt ist, sondern von Liebe, Mitmenschlichkeit, Offenheit und Frieden. Lassen Sie sich vom „Ugly Christmastree“ inspirieren, sich von ihm Mut machen: Weihnachten braucht keine Perfektion. Es braucht Gott, der sich zu uns auf den Weg macht, und es braucht uns, die ihm entgegen gehen.

Martina Wüstefeld, Pastorin in der Christuskirchengemeinde Warstade

Adventssonntage im Stall – Gott hilft uns, wenn wir im persönlichen "Mist" feststecken

Es war an einem verschneiten Adventssonntagmorgen vor 13 Jahren in der Lüneburger Heide, als ich ins Schleudern geriet. In einem emotionalen Ausnahmezustand war ich nach nervenaufreibenden Diskussionen und Trennungsgesprächen trotz Neuschnee und niedrigen Temperaturen losgefahren, um zum Gottesdienst in meine Gemeinde zu kommen. Unser Superintendent hatte diesen festlichen Termin übernommen, und ich wollte einfach nur dabei sein.

"Mein Auto drehte sich und blieb zwischen zwei Bäumen stehen"

Kurz vor Munster kam ich von der Straße ab, mein Auto drehte sich um die eigene Achse und blieb zwischen zwei Bäumen stehen. Es war Glück im Unglück, dass damals nichts Schlimmeres geschah und dass ich dank der Hilfe zweier Männer, die mein Auto mit einem Abschleppseil und einem Trecker wieder auf die Straße zogen, dennoch pünktlich bei der Kirche eintreffen konnte.

"Seine Worte trafen mich mitten ins Herz"

Superintendent Schütte predigte vom herabkommenden Gott, der in einem Stall zur Welt kommt, wo es stinkt und wo es Misthaufen gegeben haben muss – denn es war ja ein Unterstand für Tiere, den die Eltern des Jesuskindes der Erzählung nach nutzen durften, um überhaupt eine Bleibe zu finden. Seine Worte trafen mich mitten ins Herz, denn ich steckte im übertragenen Sinne in einem großen Misthaufen fest. Ich musste zugleich schmunzeln und weinen, weil ich mich so verstanden fühlte.
Noch vor Weihnachten fand ich den Mut, meine damalige Beziehung zu beenden und einige Dinge in meinem Leben zu ändern. So gelang es mir, aus dem „Mist“ herauszufinden und ein freierer und selbstbestimmterer Mensch zu werden.

"Die Tiere zeigen uns ihre Treue, sie wissen, wohin sie gehören"

In meiner zweiten Adventszeit im Land Hadeln bereiten wir uns in den Dreiklang-Gemeinden nun mit Hilfe der Stall-Symbolik auf Weihnachten vor. Wir feiern Adventssonntage im Stall. Die Tiere zeigen uns ihre Treue, sie wissen, wohin sie gehören, sie erden uns und schenken uns Wärme. Wenn wir die Spuren von Mist sehen oder riechen, werden wir uns bewusst, dass Gott auch in unseren persönlichen „Mist“ kommt, den wir verursachen und in dem wir manchmal feststecken.

"Gott kommt als armes, wehrloses Kind zur Welt"

Wir erinnern uns daran, dass Gott als armes, wehrloses Kind zur Welt kommt, dessen erstes Bett eine Futterkrippe der Tiere war und dessen Lebensweg am Kreuz endete, nur um mit der Auferstehung über das irdische Leben hinauszugehen. Dieser in Jesus von Nazareth lebendig gewordene Gott ist unser Wegweiser!
Tauchen Sie in den kommenden Tagen und Wochen mit allen Ihren Sinnen in die Stall-Atmosphäre ein, um neu zu begreifen, was Weihnachten wirklich bedeutet. Eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit.

Meike Müller-Bilgenroth, Pastorin in der Region Mitte des Kirchenkreises Cuxhaven-Hadeln (Ahlen-Falkenberg, Nordleda, Wanna)

In evangelischen Familien bringt der „Heilige Christ“ zu Weihnachten die Geschenke

Seit Kindheitstagen warten wir in der Adventszeit: Auf die nächste Tür vom Adventskalender, auf den Nikolaus, auf den Weihnachtsmann, auf das Christkind, auf Weihnachten. Am „jüngsten“ davon ist der Weihnachtsmann: eine Mischung aus dem Nikolaus mit rotem Bischofsgewand und Knecht Ruprecht mit Rute und einem Sack voller Geschenke.
Bis zum Ende vom Mittelalter bekamen die Kinder ihre Geschenke nicht zu Weihnachten, sondern am 6. Dezember: vom kinderfreundlichen Bischof Nikolaus aus Myra – an der Südwestküste der heutigen Türkei. So ist es noch immer in den Niederlanden. Weihnachten wurde nur mit Gottesdiensten in der Kirche gefeiert, ohne eine Feier mit Bescherung zuhause.

Gott macht uns Menschen mit Jesus das größte Geschenk

Doch 1531 schaffte Martin Luther den Nikolaus als Bringer der Geschenke in Wittenberg ab. Für den Reformator ist der wichtigste Grund zum Beschenken nicht die Erinnerung an diesen Heiligen. Vielmehr machte Gott uns Menschen mit Jesus das größte Geschenk, was es gibt: Aus Liebe schenkte er uns seinen eigenen Sohn. Darum brachte in evangelischen Familien seitdem der „Heilige Christ“ zu Weihnachten die Geschenke.

Evangelischer Brauch wirkt für manche typisch katholisch

Im 19. Jahrhundert änderte sich das wieder: Während in Norddeutschland zunächst Knecht Ruprecht und dann der Weihnachtsmann die Geschenke brachte, übernahmen viele Katholiken in Süddeutschland oder Österreich die Bescherung durch das Christkind von den Evangelischen in Sachsen, Thüringen oder Württemberg. Seitdem wirkt dieser ursprünglich evangelische Brauch für manche Norddeutsche als typisch katholisch. Im protestantischen Nürnberg spielt seit 1933 eine junge Frau oder ältere Jugendliche das Christkind in Gestalt eines Engels mit goldenen Haaren, Flügeln und einer Krone. Es eröffnet jedes Jahr den Christkindlesmarkt.

Er will auch als König und Herr der Welt sichtbar wiederkommen

Die Adventslieder laden uns dazu ein, Jesus Christus in unserem Leben willkommen zu heißen: „Komm, o mein Heiland Jesu Christ, mein´s Herzens Tür dir offen ist.“ Die Lesungen vom 2. Advent erinnern daran, dass Jesus nicht nur in der Vergangenheit als Mensch lebte. Er will auch als König und Herr der ganzen Welt sichtbar wiederkommen - sei es am Ende aller Zeit auf dieser Erde oder am Ende unseres eigenen Lebens. Dann will er für uns ganz persönlich wiederkommen, um uns zu sich zu holen. Er öffnet uns so die Tür zu einer Wohnung, die er schon bei Gott für uns vorbereitet hat. 

Stefan Bischoff, Pastor in Cuxhaven-Ritzebüttel

Im Advent darüber nachdenken, was wichtiger ist: Leben des Menschen oder Maximierung des Kapitals

„Friedensangst schockt Anleger“. Diese Überschrift prangt über einem Artikel von boerse-express.com vom 21. November 2025. Frieden könnte zum Verlustgeschäft werden. Grundlage dieser Friedensangst ist die US-Friedensinitiative für die Ukraine. Und dabei ist Frieden zwischen Staaten, Frieden zwischen Menschen – wenn er denn gelingt – doch das höchste Gut. Na ja, wohl nicht für alle. Zumindest nicht für Rüstungsaktionäre.

"Menschen sind Meister im Verdrängen"

Krieg bedeutet neben Innovation und Fortschritt für Wissenschaft und Technik auch Gewinn für das Kapital. Und wenn der Krieg nicht vor der eigenen Haustür ist, ist er eben weit weg. Menschen sind Meister im Verdrängen. Und die Angst davor, dass Wachstumsraten und Auftragsvolumina nun geringer ausfallen könnten als prognostiziert, führt zu Panikverkäufen an den Börsen. Rüstungskonzerne verzeichnen mit einmal hohe Kursverluste. Aktionäre retten noch schnell ihr Kapital, sichern das eigene Portfolio und nehmen Gewinne mit, denn Geld regiert die Welt. Und das tut es in der Tat, da müssen wir uns nichts vormachen. Aber irgendetwas ist doch mit der Welt schief, wenn Leid, Traumatisierung und Tod von Menschen mehr einbringt, als ein friedliches miteinander, wenn das Kapital die (Mit-)Menschlichkeit zu verdrängen scheint.

"Wir warten auf den, der am Ende der Zeiten wiederkommen wird"

Am Sonntag feiern wir den ersten Advent. Das lateinische Wort adventus heißt Ankunft und das Verb advenire ankommen. Wir warten auf die Ankunft dessen, der schon da war und dessen Geburtstag wir in jedem Jahr am 25. Dezember begehen: Jesus Christus. Das Kind in der Krippe. Wir warten auf den, der am Ende der Zeiten wiederkommen wird „zu richten die Lebenden und die Toten“ wie wir es im Glaubensbekenntnis sprechen. Wie er heißt, verheißt uns der Prophet Jesaja: „Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst“ (Jes 9,5b).

Unter dem Geist der Gier oder unter dem Geist der Güte?

Damit steht sich im diesjährigen Advent zweierlei gegenüber: die Angst der Rüstungsindustrie und ihrer Investoren vor Frieden (nicht nur in der Ukraine) und die erwartete Ankunft des Friedensfürsten. Letzteres ist für Christ*innen gewiss. Jesus Christus, der Auferstandene kommt wieder am Ende der Zeit. Die Frage ist nur, unter welchem Primat wir bis dahin leben wollen: unter dem der Gier oder dem der Güte? Die Tage im Advent bieten eine gute Gelegenheit, darüber nachzudenken, was für einen selbst wichtiger ist: das Leben des Menschen oder die Maximierung des Kapitals.

Franziska May, Pastorin in Otterndorf, Osterbruch und Neuenkirchen

"Ein wenig friedlicher. Ein wenig gerechter. Und ein wenig liebevoller"

Ich mag es nicht mehr hören: Kriege und Krisen, Mord und Totschlag, Leiden und Not, Hunger und Angst. Die Nachrichten bringen mir das alles jeden Tag ins Haus.
Ich mag es nicht mehr anhören und blättere weiter. Oder ich schalte innerlich ab. Ich fühle mich hilflos. Bin ratlos. Und kann die Menge der Bosheit und des Leids in der Welt nicht fassen.
Gefühlt nimmt das immer mehr zu. Wirklich? Vielleicht nehmen wir es durch die Fülle der Medien und der Informationen auch nur viel mehr wahr als früher. Und vielleicht haben die Menschen in früheren Zeiten ähnlich empfunden wie wir heute.

Wann räumt Gott auf mit der Ungerechtigkeit auf der Welt?

In der Bibel ist die Ungeduld und die Enttäuschung der Menschen zu spüren: Wann kommt Gott endlich? Wann räumt Gott auf mit der Ungerechtigkeit auf der Welt? Wann zeigt sich Gott endlich und zerstört die Bosheit, macht ein Ende mit den Gewalttätern?

Gott will nicht, dass jemand verloren geht

„Gott hat Geduld mit euch“, heißt es im 2. Petrusbrief. Gott will nicht, dass jemand verloren geht. Sondern Gott will, dass die Menschen mit ihrem ungerechten Tun aufhören und neu die Liebe lernen. Ist das nicht völlig unrealistisch? Aber bei Gott gelten andere Gesetze. Und Gottes Zeitrechnung ist eine andere als unsere: Tausend Jahre sind bei ihm wie ein Tag – Zeit für Geduld.

Wir warten auf einen neuen Himmel und auf eine neue Erde

Und so versuche ich, von Gott Geduld zu lernen. Und Warten: Wir warten auf einen neuen Himmel und auf eine neue Erde, die nur Gott alleine erschaffen kann. Eine Zeit ohne Tränen, ohne Abschiede, ohne Trauer, ohne Schmerz.

Und während ich warte, versuche ich, dem nachzuleben, was Jesus uns gesagt und vorgelebt hat: Ein wenig friedlicher. Ein wenig gerechter. Und ein wenig liebevoller.
Einen gesegneten Ewigkeitssonntag für Sie!

Klaus Volkhardt, Pastor in Bülkau

"Schau hin. Atme durch. Und wenn nötig: Geh einen anderen Weg"

Als Pastorin werde ich oft gefragt, ob der Buß- und Bettag eigentlich noch zeitgemäß ist. Ein Tag, der an „Buße“ erinnert – klingt das nicht nach strenger Miene und erhobenem Zeigefinger? Ich kann Sie beruhigen: Der Buß- und Bettag ist deutlich freundlicher, als sein Name vermuten lässt. Vielleicht ist er sogar moderner denn je.

"Ohne Drama, ohne Donner, ohne göttliche Strafpredigt"

Denn dieser Tag lädt uns ein, einmal kurz innezuhalten. Nicht, um uns schlecht zu fühlen, sondern um uns ehrlich anzuschauen. Ehrlichkeit ist hier an der Nordsee nichts Exotisches. Der Wind pfeift uns so direkt ins Gesicht, dass wir gar nicht anders können, als authentisch zu bleiben. Und genau darum geht es: zu fragen, was gut läuft, was uns stolz macht – und was wir gerne anders hätten. Ohne Drama, ohne Donner, ohne göttliche Strafpredigt.

"Ein guter Hinweis, rechtzeitig die Richtung oder das Tempo zu ändern"

Manchmal denke ich: Der Buß- und Bettag ist wie der Moment, in dem ich beim Spaziergang auf dem Deich merke, dass die Schuhe drücken. Kein Weltuntergang, aber ein guter Hinweis, rechtzeitig die Richtung oder das Tempo zu ändern. Wir alle tragen solche „drückenden Schuhe“ mit uns herum: alte Gewohnheiten, unnötigen Stress, Streit, den keiner braucht. Der Buß- und Bettag sagt: Schau hin. Atme durch. Und wenn nötig: Geh einen anderen Weg.

"Einmal sortieren, was uns wichtig ist"

Besser kann man das im November kaum planen. Draußen wird es früh dunkel, das Meer zeigt seine raue Seite, und wir rücken innerlich ein Stück zusammen. Das ist ein guter Moment, um einmal zu sortieren, was uns wichtig ist. Wer oder was in unserem Leben wieder mehr Aufmerksamkeit verdient. Und worauf wir verzichten können – vielleicht auch mal auf das zehnte To-do des Tages.

"Ein stiller Dank für ein warmes Zuhause"

Ein zweites Geschenk dieses Tages steckt im Wort „Beten“. Das klingt für manche nach Kirchenbank und gefalteten Händen, dabei ist Beten im Alltag oft viel unkomplizierter. Ein Stoßseufzer beim Blick auf den Terminkalender. Ein stiller Dank für ein warmes Zuhause, wenn der Wind über den Hafen fegt. Ein Wunsch für jemanden, der es gerade schwer hat. Beten heißt: Ich muss nicht alles alleine tragen.

"Ein Moment ohne Perfektionsdruck"

Darum finde ich, dass der Buß- und Bettag uns gerade heute etwas sehr Wohltuendes anbietet: einen Moment ohne Perfektionsdruck. Einen Tag, an dem wir nicht funktionieren müssen, sondern ehrlich sein dürfen – mit uns selbst und mit Gott, wenn wir möchten. Humorvoll betrachtet ist es fast eine Art geistlicher TÜV-Termin: einmal durchchecken, wo wir stehen, und dann wieder gelassener weiterfahren.

"Sie sind herzlich willkommen, unsere Türen stehen offen"

Und falls Sie sich jetzt fragen, ob Sie dafür unbedingt in die Kirche müssen: Nein. Aber Sie sind herzlich willkommen, unsere Türen stehen offen. Schön, dass Sie da sind!

Martina Weber, Pastorin in St. Petri Cuxhaven

"Im Kleinen wie im Großen dürfen wir uns trauen, alte Wege zu verlassen"

Gerade komme ich mit dem Auto aus der Waschanlage – der schmuddelige Herbst hatte ihm ganz schön zugesetzt. Scheinwerfer müssen funktionieren, Laub in den Luftschächten darf nichts behindern und die heutigen Sensoren sollten auch sauber sein. Aber auch optisch freut man sich anschließend über so manch neu hervorgetretenen Glanz.

"Gefallen daran, die Welt in die ,Waschanlage' zu stecken"

Wenn ich so in die Welt schaue, dann hätte ich momentan oftmals so richtig Gefallen daran, die ganze Welt in die „Waschanlage“ zu stecken. Die immer verrückter anmutenden Geschehnisse bringen unsere gleichförmigen Lebensstrukturen, in denen wir uns über Jahrzehnte eingerichtet haben, ganz schön ins Wanken und lösen Unbehagen und Ängste aus. Wohin wird alles führen, ist unser Wohlstand gefährdet, wie verlieren wir nicht die Anbindung an globale Entwicklungen? Liberale Demokratien werden immer mehr gefährdet, die so wichtige Meinungsfreiheit wird zum Glück nicht strukturell, aber gefühlt doch weniger, wir müssen uns von ursprünglichen globalen Strukturen hin zu einer multipolaren Weltordnung anfreunden, ob es uns gefällt oder auch nicht.

"Dabei ist das etwas Urchristliches und im Menschen angelegt"

Man hat eher den Eindruck, dass wir uns noch gar nicht so recht trauen und auch abschiedliche Gedanken vom Alterhergebrachten lieber verdrängen möchten, als uns zu einer Kompletterneuerung mit einem gehörigen „Vollbad“ und frischer „Kleidung“ durchzuringen. Dabei ist das etwas Urchristliches und im Menschen angelegt. Ein Kollege schrieb mir kürzlich, dass er sich öfters fragt, was wohl Jesus zu den Geschehnissen unserer immer verrückter anmutenden Welt sagen würde.

"Angst ist ein schlechter Berater..."

Als ich vor Jahrzehnten Jesus kennenlernte als den Hoffnungsträger für mein Leben, der mich von aller Schuld im Rahmen der Vergebung freispricht, mir den Weg für die Ewigkeit frei macht, so dass ich vor dem Tod keine Angst haben muss, der sich mit seinem Wesen für Liebe und Gerechtigkeit, für Frieden, Respekt und Mitmenschlichkeit einsetzt, fühlte ich mich auch wie „reingewaschen“ und mit neuer Kleidung ausgestattet. Er sagt uns, dass wir uns öffnen dürfen, frohgemuts für das Neue – und jeder Tag lädt morgens zu einer „Grunderneuerung“ ein. Denn Angst ist ein schlechter Berater und hindert uns daran, neue Wege einzuschlagen, wie Philosoph Precht in seinem aktuellen Buch „Angststillstand“ deutlich macht.

"Oftmals liegen auch in Krisen Chancen zu etwas Neuem verborgen"

Christus hingehen will uns Mut machen: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“ (Joh. 16,33). Im Kleinen wie im Großen dürfen wir uns trauen, alte Wege zu verlassen. Oftmals liegen auch in Krisen, von denen wir in der letzten Zeit so manche durchstehen mussten, so dass mittlerweile eine Krisenmüdigkeit und posttraumatische Erschöpfung festzustellen sind, Chancen zu etwas ganz Neuem verborgen. „Siehe, ich mache alles neu, das Alte ist vergangen, Neues kann werden“ (2. Kor. 5,17).

"Jeden Tag als Einladung zur Erneuerung begreifen"

So wollen wir uns mutig den Veränderungen öffnen und jeden neuen Tag als Einladung zur äußeren und inneren Erneuerung für uns persönlich begreifen. Der November mit seinen wichtigen Gedenktagen erinnert uns zusätzlich an diese Gesetzmäßigkeit – denken Sie gerne daran, wenn Sie vom nächsten herbstlichen Regenguss „durchgewaschen“ werden – gesegneten Sonntag! 

Jörg Peters, Diakon und Leiter der Hospizgruppe Cuxhaven

"Die Welt und das Leben stehen uns nicht gegenüber, sondern wir sind Teil dieses Lebens"

Herzlichen Glückwunsch! Albert Schweitzer würde in diesem Jahr seinen 150. Geburtstag feiern. Als Elsässer – zunächst deutsch, dann französisch und dann wieder deutsch – erlebt er zwei Weltkriege.
Albert Schweitzer ist vielseitig begabt. Er studiert Philosophie und Theologie, später auch Medizin, und promoviert in allen drei Fächern. Darüber hinaus ist er ein bedeutender Bach-Interpret an der Orgel. Sein Herz schlägt jedoch vor allem für sein Hospital in Lambarene in Afrika. Über ein Missionswerk wird er auf die Arbeit dort aufmerksam.

Der Geist von Nietzsche und die Lehre vom Darwinismus

Er wächst in einer Gesellschaft auf, die vom Geist des Philosophen Friedrich Nietzsche geprägt ist. Nietzsche lehnt das mitleidige Mitgehen mit Menschen als Schwäche ab. Das Schwache müsse, so Nietzsche, ausgemerzt werden, während sich das Starke durchsetzt – so, wie es die Natur vormache. Auch der Darwinismus prägt zunehmend das gesellschaftliche Denken: Nur der Stärkere überlebt. Die Mitleidsmoral der Kirche gilt in dieser Zeit als verführerische „Sklavenmoral“.

Der Fortschrittsoptimismus scheint grenzenlos

Es ist die Epoche der großen Entdeckungen und der Industrialisierung. Der Fortschrittsoptimismus scheint grenzenlos. Viele glauben, dass sich alle bestehenden Probleme mit technischem Fortschritt lösen lassen. Diese Geisteshaltung macht schließlich den Ersten Weltkrieg möglich – im Glauben daran, dass sich der Stärkere und vermeintlich Gute durchsetzen werde. Heute erstarkt dieses Denken in beunruhigender Weise wieder. Der Gedanke der „Herrenrasse“ wird vom Nationalsozialismus übernommen und führt direkt in den Zweiten Weltkrieg.

Es gibt kein Leben, das auszugrenzen oder zu bekämpfen wäre

Diesem Zeitgeist stellt Albert Schweitzer seine eigene Ethik entgegen – die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben. Die Welt und das Leben stehen uns nicht gegenüber, sondern wir sind Teil dieses Lebens. Diese Ethik wurde zur Grundlage eines ökologischen Denkens und Handelns, das die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt hat – und von dem wir uns heute vielerorts wieder zu entfernen scheinen. Für Schweitzer ist dieses inklusive Denken grenzenlos: Es gibt kein Leben außerhalb, das auszugrenzen oder zu bekämpfen wäre.

Film über Albert Schweitzer in der Gnadenkirche

Am Sonntag, 26. Oktober, um 18 Uhr, zeigen wir in der Gnadenkirche Ausschnitte aus einem Spielfilm über das Leben von Albert Schweitzer. Der Film beginnt im Jahr 1949: In den USA startet ein Wettlauf um die Wasserstoffbombe, der Kalte Krieg mit unvorstellbaren Rüstungsmilliarden nimmt seinen Anfang. Dagegen erhebt Albert Schweitzer seine Stimme – ein mutiges Vorbild für unsere Zeit, die zu Krieg und Aufrüstung offenbar keine Alternativen mehr kennt.

Hans-Christian Engler, Pastor der Gnaden- und Emmauskirche

"Engagiertes Handeln hält unsere Gemeinschaft an vielen Orten am Leben"

„Mit dem Tod meiner Tante ist auch der Glaube in unserer Familie gestorben.“ Dieser Satz einer jungen Frau ließ mich aufhorchen. „Wie meinen Sie das?“ fragte ich nach. „Ach, Tante Martha war die Einzige, die noch in die Kirche ging. Das bedeutete ihr etwas. Sie glaubte an ihren Herrgott, ganz treu und schlicht. Wir anderen, ihre Nichten und Neffen, haben es nicht so mit Kirche und Glauben. Wir leben unseren Alltag und das ist schon anstrengend genug.“

„Schade eigentlich“.
„Ja, was heißt schade, was soll ich Ihnen sagen?“
„Da fehlen die Worte.“

Im Gespräch erzählte die junge Frau, dass sie in einer Gruppe junger Eltern mitarbeitet, beim Straßenfest für die Flüchtlingshilfe aktiv war und dem alten Herrn im Haus gegenüber regelmäßig beim Einkaufen hilft. Auf meine Nachfrage überlegte sie kurz und meinte dann:  „Ich helfe, wo ich kann. Das macht man so. Sicher, einfacher wäre es, nur an sich selbst zu denken – me first –, aber dann würde mir etwas fehlen.“ Sie lächelte und fügte hinzu: „Jetzt sagen Sie bestimmt, das ist der totgeglaubte Glaube.“

„Ich lass das mal so stehen.“

Wir verabschiedeten uns. Ich begegne häufig Menschen, die sagen, sie glaubten nicht, nicht an Gott und nicht an die Bibel, ihr Glaube sei tot, inexistent, null. Doch wenn sie von ihrem Alltag erzählen, kommen viele gute Werke zur Sprache: Nachbarschaftshilfe, Engagement im Elternrat, Einsatz für die Gemeinschaft im Ort.

"Die wenigsten von uns sind hoffnungslose - glaubenslose - Egoisten"

Ich sehe da einen Widerspruch. Ist es nicht vielleicht vielmehr so, dass wir es lediglich verlernt haben von dem zu sprechen, was uns für andere dasein läßt? Der tiefste Grund unseres Handelns ist uns nicht so klar, ist nicht immer bewusst. Wir denken nicht viel darüber nach, aber dann tun wir doch eine ganze Menge. Warum? Jeder wird dies vielleicht auf seine Art empfinden, sich aus anderen Beweggründen engagieren. Aber die wenigsten von uns sind hoffnungslose - glaubenslose - Egoisten. Es fehlen oft die begründenden Worte, aber Taten, Werke, engagiertes Handeln hält unsere Gemeinschaft an vielen Orten am Leben.

"...dann fürchte ich nicht, dass unser Glaube tot ist"

Der Wochenspruch der morgen beginnenden Woche aus dem Jakobusbrief sagt es aus einer anderen Perspektive: So ist der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber (Jak 2,17). Wenn ich aber sehe, wie viele Menschen sich füreinander einsetzen, dann fürchte ich nicht, dass unser Glaube tot ist. Im Gegenteil: Er lebt – oft im Verborgenen.

Dr. Ekkehard Heise, Pastor (em.), Cuxhaven-Sahlenburg

"Unser Glaube ist der Sieg – nicht laut, nicht triumphal. Sondern leise, stark und tröstlich"

Wenn man das Wort „Sieg“ hört, denkt man oft an Wettkampf, an Sport oder Politik. An Sieger und Verlierer. Doch schon da beginnt das Unbehagen: Denn es gibt Siege, die sind schrecklich. Kriege zum Beispiel. Da bleibt am Ende kein wirklicher Gewinner zurück – nur Verlierer, Verwundete, Zerstörung.
Und es gibt Siege, die sich im Wettlauf um den ersten Platz abspielen: Wer ist schneller, stärker, klüger? Doch auch das ist ein Sieg, der nur für einen gilt, während andere zurückbleiben.

„...bei dem Bederohliches überwunden wird"

Aber es gibt noch eine andere Art von Sieg. Einen, der nicht auf Kosten anderer geht. Einen, bei dem nicht Menschen ausgebootet werden. Sondern einen, bei dem etwas Bedrohliches überwunden wird: Angst. Krankheit. Schuld. Dunkelheit. Und um solch einen Sieg geht es im Spruch der kommenden Woche aus dem 1. Johannesbrief: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ (1 Joh 5, 4c)

Aber Johannes denkt dabei nicht an ein heroisches Gefecht

Das klingt groß. Weltüberwindung! Aber Johannes denkt dabei nicht an ein heroisches Gefecht. Er denkt an Christus. Für ihn ist die Welt der Inbegriff alles Dunklen, das Leben zerstört: Hass, Ungerechtigkeit, Gewalt. All das hat Jesus getragen – und durch seine Liebe überwunden. Kein Schwert, kein Triumphzug, kein Spektakel. Sondern Hingabe.

Das ist nicht einfach eine fromme Idee, sondern ein Lebensstil

Und nun sagt der Brief: Wer glaubt und wer sich an Christus hält, der hat Anteil an diesem Sieg. Das ist nicht einfach eine fromme Idee, sondern ein Lebensstil. Glauben heißt: vertrauen, dass Gottes Liebe stärker ist als das, was uns klein machen will. Glauben heißt: nicht stehen bleiben bei Angst oder Resignation, sondern darauf setzen, dass Versöhnung möglich ist!

...und doch Spuren des Sieges, von dem die Bibel spricht

Manchmal sieht dieser Sieg ganz unscheinbar aus: wenn jemand einem anderen vergibt. Wenn jemand trotz Krankheit Hoffnung behält. Wenn einer in einer dunklen Nacht ein Licht anzündet. Kleine Zeichen – und doch Spuren des Sieges, von dem die Bibel spricht.

Hinein in ein Leben, das von Liebe getragen ist

Am Ende geht es also nicht darum, dass wir Helden sein müssten. Sondern darum, dass wir verbunden bleiben mit dem, der die Welt schon überwunden hat. Das ist das Anliegen des Briefschreibers: Christus hat’s getan. Und wir dürfen in seinem Sieg stehen. Nicht über andere hinweg. Sondern hinein in ein Leben, das von Liebe getragen ist.

„Unser Glaube ist der Sieg.“ – Nicht laut, nicht triumphal. Sondern leise, stark und tröstlich.

Manuela A. Heise, Pastorin in Sahlenburg und Altenwalde

"In allem können wir staunen, wie reich Gott uns beschenkt"

Das Erntedankfest ist einer der schönsten Sonntage neben Ostern und Weihnachten. Und fast jede*r kennt es. Denn es ist der Sonntag, an dem wir DANKE sagen.
Gott, der Schöpfer, hat die Welt so schön und so bunt erschaffen. Da sind die wundervollen Gaben auf unseren Altären: Karotten, Kürbisse, Äpfel und Nüsse – Gaben, die wachsen durften. Es war aber nicht nur unsere menschliche Pflege, sondern auch Gottes Zutun. In allem können wir staunen, wie reich Gott uns beschenkt. Und unsere Ernte geht über die Nahrung noch weit hinaus: Wir haben Kleidung, ein Dach über dem Kopf und oft einen Beruf, der uns ausfüllt.

"...dann ernten wir noch viel mehr"

Schauen wir aber noch genauer hin, dann ernten wir noch viel mehr: Wir erleben das Gedeihen und das Gelingen von Partnerschaften, und Familien werden durch Nachwuchs größer. Freundschaften können auch solch ein Reichtum sein – Freunde, die uns schon unser Leben lang begleiten, die wir vielleicht nur drei bis viermal im Jahr sehen oder sprechen, die uns aber so nahe sind, als hätten wir sie gestern erst getroffen.

Leben ist durch Freundschaften reicher geworden

Oder eben die Freundschaften, die sich erst langsam entwickeln. Weil man im Alter etwas vorsichtiger wird, Freundschaften zu schließen, oder weil man die Menschen erst einmal in Ruhe kennenlernen möchte. Und wenn man dies getan hat, merkt man erst, dass das Leben durch diese Freundschaften reicher geworden ist.

Wer dankt, sieht nichts als selbstverständlich an

Das Erntedankfest gibt uns heute also einen Raum, in dem wir unsere Dankbarkeit zum Ausdruck bringen können. Und diese Dankbarkeit wendet sich hin zu Gott. Wer dankt, sieht nichts als selbstverständlich an und weiß sich von Gott reich beschenkt. Und wenn wir dieses Geschenk annehmen, müssen wir nicht ängstlich unsere Schätze auf Erden sammeln.

Wer so geben kann, dessen Quellen werden nie versiegen

Gottes Großzügigkeit schenkt uns diesen Reichtum – und wir dürfen ihn weitergeben. Weitergeben an die Menschen, die sich nicht so reich beschenkt fühlen, die nicht wissen, wie es weitergehen soll.So lenkt der Sonntag den Blick über den eigenen Tellerrand hinaus und ruft zum verantwortungsvollen Teilen von Besitz und Ressourcen auf. Wer so geben kann, dessen Quellen werden nie versiegen.

Silke Marxs, Diakonin der Kirchengemeinden Altenwalde und Emmaus

"Mensch, lerne singen – sonst wissen die Engel im Himmel nichts mit dir anzufangen"

Es gibt Sätze, die bleiben hängen. Zum Beispiel der von Augustinus: „Mensch, lerne tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel nichts mit dir anzufangen.“ Ich würde sagen: Lieber Augustinus, netter Versuch – aber wir machen das heute anders. Mensch, lerne singen! Und zwar nicht nur unter der Dusche oder im Auto, sondern am besten mit anderen zusammen – im Chor oder, noch besser, beim Rudl-Singen.

Kein Vorsingen, kein Leistungsdruck, nur Freude, Stimme, Gemeinschaft

Denn während so mancher beim Wort „Chorprobe“ an strenge Stimmbildung, Sitzfleisch und Soprane mit Durchsetzungskraft denkt, hat unser Kirchenkreiskantor das Ganze auf den Kopf gestellt: Einmalig zusammenkommen, einfach so, alle, die Lust haben. Kein Vorsingen, kein Leistungsdruck, kein „Du bist aber kein Tenor“. Nur Freude, Stimme, Gemeinschaft. Und am Ende steht da ein Klang, der manchmal schräg, oft berührend – und immer ehrlich ist. Wer da einmal mitgemacht hat, weiß: Das ist Rudl-Singen. Und das macht Spaß.

Die Musik bleibt, die Lieder bleiben auch

Heute verabschieden wir Kai Rudl in einem Gottesdienst in den Ruhestand – was in etwa so ist, als würde jemand dem Sonntag das Glockenläuten nehmen. Aber keine Sorge: Die Musik bleibt. Die Lieder auch. Und hoffentlich auch die Idee, dass Singen nicht perfekt, sondern lebendig sein muss. Wir wünschen ihm an dieser Stelle alles Gute und Gottes Segen und danken ihm für die Freude, die er uns mit seiner Musik bereitet hat – an der Orgel, mit Chören, mit Posaunen oder am Keyboard.

Vielleicht treffen wir uns im Himmel einmal alle wieder

Und wer weiß, vielleicht treffen wir uns im Himmel einmal alle wieder – im Engelchor, der dringend Verstärkung braucht. Mit oder ohne Notenkenntnis, mit oder ohne Vibrato, aber bitte mit Herz. Also: Mensch, lerne singen! Dann wissen die Engel im Himmel bestimmt etwas mit dir anzufangen.

Dr. Sabine Manow, Pastorin in Cuxhaven

"Wenn Christus da ist und wir auch, dann kann es zur Begegnung kommen"

Es ist nicht leicht, mit sich, Gott und der Welt im Einklang zu sein. Manches hätten wir gerne anders, doch das liegt oft nicht in unserer Macht. Wie kann ich dennoch zufrieden sein?
Das ist ein Übungsweg. Manche kommen deshalb zur christlichen Meditation in die Duhner Kapelle. Wir sitzen mit geschlossenen Augen dreimal 15 Minuten in der Stille auf einem Stuhl, Hocker oder Kissen und üben „das stille Verweilen in der Gegenwart Gottes“. Dass Gott da ist, hat uns Jesus zugesagt: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Mt. 28,20). Wenn Christus da ist und wir auch, dann kann es zur Begegnung kommen.

"Die Übung ist, sich immer wieder zurückzuholen"

Doch es ist gar nicht so einfach, da zu sein. Viele dösen vor sich hin, sind in Gedanken woanders, denken nach, planen voraus oder lassen sich ablenken durch Geräusche. Die Übung ist, sich immer wieder zurückzuholen, denn im Hier und Jetzt findet unser Leben statt. Alles andere darf auch da sein, aber man beschäftigt sich nicht damit, sondern richtet sich wach auf Gott aus.

"Wer in der Wahrnehmung ist, ist ganz da"

Dabei hilft, in die einzelnen Körperteile zu spüren und auf den Atem zu achten. Wer in der Wahrnehmung ist, ist ganz da. Wichtig ist, nichts zu bewerten. Vor Gott darf alles da sein, auch das Unangenehme. Die Übung ist: Angst, Schmerz, Herzklopfen, Tränen etc. nicht zu bekämpfen oder weghaben zu wollen, sondern Gott hinzuhalten und ihn handeln zu lassen. Das tut er, wenn er will, zu seiner Zeit.

"Man fühlt sich von Gott gesehen"

Wenn Gott spürbar da ist in der Meditation, vergeht die Zeit wie im Flug. Wir könnten immer so da sein. Manch eine sieht Farben vor dem inneren Auge, anderen werden heilsame Einfälle und Bilder geschenkt, es lösen sich Blockaden, Wärme durchströmt einen, man fühlt sich von Gott gesehen, Frieden breitet sich aus. Was immer geschieht, man übt, damit zufrieden zu sein. Ja, auch dann, wenn man von Langeweile, Gedanken, Geräuschen oder einer lästigen Fliege abgelenkt wurde. Es war dennoch eine Gott geschenkte Lebenszeit.

"Mit dem liebenden Auge Gottes schauen"

Meditation hilft zu einer heilsamen Lebenshaltung. Ich darf auf alles, was geschieht, mit dem liebenden Auge Gottes schauen, es in seiner Gegenwart gelassen da sein lassen und dabei das Atmen nicht vergessen. Am Ende kann man in den Bibelvers einstimmen, mit dem in der Duhner Kapelle alle Meditationseinheiten abschließen: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ (Psalm 103,2).

Maike Selmayr, Pastorin in Cuxhaven

"Nicht alle von uns können große Dinge tun, aber wir können kleine Dinge mit großer Liebe tun“

Schauen Sie noch die Tagesschau oder haben Sie angesichts der Flut der Probleme in der Welt aufgegeben? Als ich kürzlich wieder einmal die Einblendung eines Spendenkontos für Opfer – dieses Mal für die Erdbebenopfer in Afghanistan – während der Tagesschau sah, wurde auch mein christliches Gewissen angerührt. Hat nicht Jesus – so der Wochenspruch für die Woche – den Christen ins Stammbuch geschrieben: „Was ihr den Geringsten meiner Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan?“ Da muss doch mein Herz aufgehen, wenn ich von den Erdbebenopfern in Afghanistan höre. Wer könnte denn ärmer dran sein als die?

„Unser Herz ist weit. Doch unsere Möglichkeiten, sie sind endlich“

Die Probleme der Welt können einem ernsthaften Christenmenschen schon in die Überforderung treiben – oder? Hatte Jesus das wirklich im Sinn? „Du kannst nicht allen helfen!“ – sagen mir dann manchmal Freunde, oder um es mit Joachim Gauck zu sagen: „Unser Herz ist weit. Doch unsere Möglichkeiten, sie sind endlich.“
Ich frage: „Jesus, wolltest du mit deinem ,Was ihr dem Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan' den Startschuss für ein moralisierendes Christentum geben, das an der Rettung der Welt scheitert?“

"Jesus hat keinen ,Tagesschau-Blick' auf das Leben"

Nun, der Kontext, um den es bei diesem Satz Jesu geht, ist aufschlussreich. Jesus spricht im Matthäusevangelium nicht gleich über die ganze Welt. Er hat keinen „Tagesschau-Blick“ auf das Leben, sondern sieht das, was vor Augen liegt: den Menschen der ihm in seiner konkreten Not begegnet. Jesus geht es um unmittelbare Taten der Liebe und des Mitgefühls.

"Es sind überschaubare, reale Aufgaben"

Diese Taten sind als die sieben Werke der Barmherzigkeit in die christliche Tradition eingegangen. Er fordert dazu auf, „Hungernde zu speisen, Durstige zu tränken, Fremde aufzunehmen, Nackte zu kleiden, Kranke zu besuchen, Gefangene zu besuchen und Tote zu begraben“. Es sind überschaubare, reale Aufgaben. Jesus sieht das Konkrete, meinen „nahen Nächsten“, um es in einem Sprachspiel zu sagen. Er richtet meine Aufmerksamkeit auf jeden kleinen Akt der Barmherzigkeit, jede Geste der Nächstenliebe, die einen Unterschied machen kann.

"Die Augen aufmachen für den Nächsten“

Warum also nicht die Tagesschau ab und an abschalten und die Augen aufmachen für den Nächsten, der heute, hier und jetzt ein gutes Wort, eine kleine Hilfe, ein wenig Zeit und Unterstützung braucht? Wie sagte es Mutter Teresa: „Nicht alle von uns können große Dinge tun. Aber wir können kleine Dinge mit großer Liebe tun.“

Dr. Lutz Meyer, Schulseelsorger und Schulpastor in Cuxhaven

Menschen, die von Verantwortung und Sorgen gelähmt sind, wünscht Jesus eine Auszeit

Sein Hoch auf die Sorglosen, die Tagträumer, die unbedarften Freigeister! Genau danach klingt der Lehrtext des heutigen Tages aus Matthäus 6, 31+32: „Jesus spricht: Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.“

Weil das Geld immer knapper und die Arbeit immer mehr wird

Der Lehrtext klingt nach einem Hoch auf die sorglosen Menschen, die in den Tag hineinträumen. Zumindest scheint es so zu sein. Und ich ahne, welche Wut bei den Menschen hochsteigt, denen ihre Verantwortung für den Arbeitsplatz oder für die Familie über den Kopf steigt. Weil das Geld immer knapper und die Arbeit immer mehr wird und niemand mit dem, was sie leisten, zufrieden ist.

„Wie eine klebrige Klette hängt sich die Sorge an unsere Seele“

Ob Jesus an die Sorglosen, die Tagträumer und die Unbedarften gedacht hatte, als er diese Worte sagte? Sicherlich nicht – für mich dachte er gerade an diejenigen, die arbeiten und sich kümmern und trotzdem das Gefühl haben, dass es nicht genug ist. Nicht genug Geld, kein Erfolg, nicht genug Anerkennung oder nicht genug Leistung. Menschen, die von sich vielleicht Folgendes sagen können: „Wie eine klebrige Klette hängt sich die Sorge an unsere Seele, und sie ist so zäh, dass wir sie kaum loskriegen“. Menschen, denen ihre Sorgen die Luft zum Atmen nehmen und jegliche Kraft rauben. Menschen, die – gelähmt von ihrer Verantwortung und ihren Sorgen – keine Idee mehr von einem Leben ohne Sorgen haben.

Zum Durchatmen, zum Krafttanken und zum auf ganz neue Ideen kommen

Denen wünscht Jesus eine Auszeit! Zum Durchatmen, zum Krafttanken und zum auf ganz neue Ideen kommen – bei ihren Lieben oder vielleicht beim Sonntagsgottesdienst in der Gemeinde Ihres Vertrauens. Und wenn alles gut läuft, dann bekommen Sie eine Idee davon, was es heißt, nicht allein zu sein. Menschen um sich zu haben, die es gut mit Ihnen meinen. Und einen himmlischen Vater, der, auch wenn Sie es gerade nicht so genau wissen, schon einen Weg gefunden hat, Sie zu unterstützen.

Helga Skrandies-Brihmani, Diakonin der Martinskirche und der Gnadenkirche in Cuxhaven

"Bleiben wir Schatz-Sammler, Schatz-Sammlerinnen und Schatz-Verschenker"

Zack – schon geht die Schule los! Wie im Flug sind die Ferien vorbeigegangen. Wo ist die Zeit geblieben? Man – die Kinder sind sooo groß geworden. Und jetzt?
Der Alltag verändert sich, und er bestimmt unser Leben. Kommen die Kinder in der Schule zurecht? Finden sie Anschluss? Können wir Erwachsenen sie weiter loslassen, damit sie ihren eigenen Weg entdecken?
Kinder, wie auch wir Erwachsenen brauchen Erfahrungen, die uns stärken. Mut und Zuversicht, Hoffnung, Vertrauen und Liebe, Humor und Phantasie – auch das brauchen wir, egal in welchem Alter.

"Wie lange das wohl anhält"?

In diesem Jahr machten wir zwei Wochen Urlaub. Nicht weit weg – trotzdem raus. Erholt kamen wir zurück. Wie lange das wohl anhält? Noch tragen die Bilder von verträumten Häusern und Gärten, der Geruch vom Meer, die schönen Begegnungen.  Wie lange trägt das, was auch die Kinder bisher an Erfahrungen sammeln konnten?

"Unser seelisches Immunsystem ist gefragt"

Festhalten – geht das? Was gibt mir Halt und auch Stärke im Alltag? Ja, und besonders gerade in dieser turbulenten Zeit? Unser seelisches Immunsystem ist gefragt. 
Bei diesem Gedanken kommt mir das Wort Resilienz in den Sinn. Welche Erfahrungen sind so prägnant, dass sie uns heute noch Kraft geben und ermutigen? Und was können wir selber dazu tun?

"Wir sammeln Erfahrungen und bilden eigene Glaubenssätze daraus"

Seit der Kindheit sind wir Sammler. Wir sammeln Erfahrungen der unterschiedlichsten Art und bilden eigene Glaubenssätze daraus:  „Du schaffst das!“, „Ich hab Dich lieb“ – solche Sätze sind Schätze.
Das Gefühl angenommen und wertvoll zu sein – das stärkt jeden von uns. Das erste Wort selber lesen! Die Zahlen kennenlernen...
Auch das sind Erfahrungen: Schwieriges überwinden und dabei nicht allein zu sein – das kann uns stärken. Auch Urlaubserinnerungen können solche Schätze sein. Bilder, Gerüche, ein besonderes Musikstück und vieles mehr. Was sind die von Ihnen und Euch gesammelten Schätze?

"Manchmal müssen wir etwas loslassen"

„Prüft alles und behaltet das Gute…! „Thessalonicherbrief 5,21 Manchmal müssen wir etwas loslassen, um weiter Sammler bleiben zu können. Gern teile ich diesen Mutmach-Vers aus der Bibel mit Ihnen und Euch, der in diesem Jahr auch die Jahreslosung ist.

"Gott ist dabei – beim Loslassen, Sammeln und Verschenken"

Im herausfordernden Alltag brauchen wir Mut, Zuversicht, Hoffnung, eine Portion Gelassenheit und auch Humor. Bei der Einschulung sprachen wir den Kindern Gottes Segen zu. Genau aus diesem Grund. Den wünsche ich uns auch – bleiben wir Schatz-Sammler und Schatz-Sammlerinnen und Schatz-Verschenker! Gott ist dabei – beim Loslassen, beim Sammeln und beim Verschenken.

Imme Koch-Seydell, Diakonin im Kirchenkreis Cuxhaven-Hadeln

“Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens“

Heute bin ich aus dem Urlaub zurückgekehrt und in meinen Arbeitsalltag wieder angekommen. Doch bevor ich mich daran gemacht habe, dieses "Wort" zu schreiben, standen Ordnen, Sichten, sich einen Überblick verschaffen und Chaos lichten auf dem Programm.
So wird es wohl vielen in dieser Woche gegangen sein, die nun nach der Ferien- und Reisezeit wieder in ihren Alltag zurückkehren. Unterwegs waren all die Gedanken an die Aufgaben weit weg; Zeit, den Kopf freiblasen zu lassen. Das Jahr bis zu den großen Ferien war geschafft – Pause – Neuorientierung.

Sommerpause – Neuorientierung

Ähnlich war gestern Abend das Resümee in der "Tagesschau". 100 Tage der Regierung von Kanzler Friedrich Merz sind geschafft – Sommerpause – Neuorientierung. Große Themen liegen an: Wie geht es mit der Rente weiter? Kann die Wirtschaft den Abschwung beenden?
Vor allem ein Thema, das die Gemüter beschäftigt, hat Fahrt aufgenommen. Der Ukraine-Krieg ist in eine entscheidende Phase getreten. Präsident Vladimir Putin und Präsident Donald Trump wollen im Dialog Möglichkeiten entdecken, wie es zu Frieden kommen könnte. Friedrich Merz gelang es, nun auch Präsident Wolodymyr Selenskyj mit ins Boot zu holen.

"Das wäre ein wunderbarer Ausblick..."

Endlich sind Gespräche möglich, und ein Ende des Krieges scheint in erreichbare Nähe gerückt. Das wäre ein wunderbarer Ausblick auf das, was in den nächsten Monate an Aufgaben ansteht. Dazu ist mir ein Bibelvers aus dem 1. Korintherbrief eingefallen: 1. Korinther 14,33: “Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens.“
Mit diesem Satz erläutert Paulus, warum er in diesem Kapitel der neuen Gemeinde in Korinth eine Ordnung gibt, wie sie ihr Zusammenleben gestalten kann.

"Friedliches Zusammenleben in Europa"

Ja, wäre das nicht ein großartiger Beginn, wenn es gelänge, eine Ordnung zu finden, um ein friedliches Zusammenleben in Europa mit Russland und den USA zu ermöglichen? Das würde auch die Wirtschaft entlasten. Der Gott des Friedens möge es uns schenken!

Betina Dürkop, Pastorin in St. Bartholomäus Lamstedt

"Ihr seid mit dabei, mit beteiligt. Keine, keiner ist egal"

„Da irgendwo, da sind sie jetzt drin!“ – Manchmal, wenn ich an der Elbe stehe und den Containerschiffen nachgucke, dann denke ich so. Zum Beispiel: „Da irgendwo, in einem dieser zigtausend Kästen sind jetzt die Schrauben, die du bestellt hast.“
Und dann stelle ich mir vor, wie das so geht: Von der Maschine, die die Schrauben eine nach der anderen auswirft, wie sie in die Tüte kommen, verpackt werden. Verladen.

Wer packt dann ausgerechnet die Tüte für mich?

Und immer sind da Menschen dabei: Auch schon vorher. Denn die Maschine muss ja erst mal gebaut werden, die Schrauben auch dafür produziert: Wen und was braucht es alles, damit ich bekomme, was ich bestellt habe. Man kann auch sagen: Hauptsache, die Dinger sind da. Aber es ist doch auch mal interessant zu denken: Wie und woher kommen die Sachen? Wer lädt sie dann im Hafen aus? Wer fährt den Stapler? Wer packt dann ausgerechnet die Tüte für mich?

Der erste Schritt ist kaum auszumachen

So kommt man ins Staunen: Dass nicht einfach alles irgendwie halt da ist, sondern viele kleine und große Handgriffe und Produktionsschritte und vorher Ideen und vieles mehr notwendig sind. Und wenn ich dann versuche, einen Anfang zu finden: Das ist der erste Schritt, da hat es begonnen -, dann ist das kaum auszumachen.

"Gott sagt ,Ihr seid...' - und das reicht"

Wenn Sie bis hierher gelesen haben, denken Sie: Na, jetzt kommt er mit dem lieben Gott: Der das alles … und dem wir darum…Ich muss Sie enttäuschen. An diesem Wochenende ganz sicher sagt der liebe Gott nicht: Ich bin… und darum sollt ihr, müsst ihr… An diesem Wochenende besonders, aber sonst eher auch, sagt er: Ihr seid… und das reicht. Von Salz und Licht ist dann noch die Rede, aber da vergessen manche dann schnell den Anfang: Ihr seid.

"Wir sind mit dabei - bei Nebensachen, bei Hauptsachen"

Ihr: Also nicht ich – oder Sie - alleine. Ihr, was ja meint: Wir. Ihr seid, wir sind - miteinander. Und wir sollen, wir müssen nicht erst noch etwas werden, denn: Ihr seid. Wir sind – mit dabei. Bei großen Dingen, bei kleinen. Bei Nebensachen, bei Hauptsachen: Aber was macht da den Unterschied? Die Schraube mag klitzeklein sein. Aber ohne sie…?

"Nichts hat keine Folgen: kein Wort, kein Gedanke, keine Tat"

Unser Leben auf dieser Kugel funktioniert, weil viele, viele Menschen ihren Teil beitragen, ihren, nicht den vom anderen.  Mit dem, was sie tun, auch mit dem, was sie sagen, denken. Nichts hat keine Folgen: kein Wort, kein Gedanke, keine Tat. Und nichts kommt aus dem leeren Raum. Allen gilt: „Ihr seid!“ Ihr seid mit dabei, mit beteiligt. Keine, keiner ist egal.

"Jede ist dabei - und jeder. Ich – und Sie"

„Da irgendwo, da sind sie jetzt drin!“. Die Schrauben – und all diese Gedanken, wie es ist: dass Menschen mitdenken, mitbauen, mittragen. Ihr seid. Und es zählt. Jede ist dabei - und jeder. Ich – und Sie.

Thomas Hirschberg, Pastor in Ihlienworth, Odisheim und Steinau

"Mit menschlich gelebter Freiheit diese Welt bunter und reichhaltiger machen"

Es gibt Sätze, die lassen einen nicht mehr los! Ein solcher Satz ist für mich ein Ausspruch der berühmten (Kinderbuch-) Autorin Astrid Lindgren. Ich habe ihn schon vor ein paar Monaten gehört: „Es gibt kein Verbot für alte Weiber, auf Bäume zu klettern“.
Dieser Satz macht an mir herum, obwohl ich weder ein Kind, noch ein „altes Weib“ bin. Ich bin ein Mann wenige Jahre vor dem Eintritt in den Ruhestand. — Warum lässt dieser Satz mich dennoch nicht los? —  Es ist dieser Ausdruck von Selbstbestimmung; und der Wille, die eigene, persönliche Freiheit zu verteidigen.

"Wie oft Ideen verworfen, weil andere sich daran stören könnten?"

Dem gegenüber: Wie oft habe ich mich den vermeintlichen oder tatsächlichen Erwartungen anderer Menschen angepasst? Wie oft eigene Ideen verworfen, weil andere sich daran stören könnten?

„Wo aber der Geist des Herrn ist, ist Freiheit“

Gerade als Christ oder Christin sollte die Freiheit gegenüber anderen Menschen doch groß sein: Wenn mein Glaube mich mit Gott verbindet – warum sollte ich mich dann vor anderen und ihren Erwartungen fürchten? Es heißt doch zum Beispiel im 1. Korintherbrief 3,17: „Der Herr aber ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, ist Freiheit.“

„Lebst Du die Freiheit, die Gott Dir geschenkt hat?"

Ich höre aus dem Satz von Astrid Lindgren die Frage an mich gerichtet: „Lebst Du die Freiheit, die Gott Dir geschenkt hat? Oder passt Du Dich viel zu vorschnell an die vermuteten Erwartungen „der Leute“ an?
Daraus höre ich nicht die Aufforderung zu Rücksichtslosigkeit, Pöbeleien oder Hassbotschaften gegen andere. Aber ich spüre darin die Ermunterung, mit menschlich gelebter Freiheit diese Welt bunter und reichhaltiger zu machen.

"Erweitert dann womöglich meinen Horizont und den der anderen"

Wenn es gut läuft, führt das zu mehr Gesprächen und anregendem Austausch zwischen mir und meinen Mitmenschen. Das erweitert dann womöglich meinen Horizont und den der anderen.

„Es gibt kein Verbot für alte Weiber, auf Bäume zu klettern“

Übrigens: „Es gibt kein Verbot für alte Weiber, auf Bäume zu klettern“ —  diesen Satz hat Astrid Lindgren im Alter von 67 Jahren gesagt. Kurz davor war sie am 80. Geburtstag ihrer Freundin Elsa Olenius mit ihr um die Wette auf einen Baum geklettert.

Peter Seydell, Pastor in Lamstedt und der Region Ost im Kirchenkreis Cuxhaven-Hadeln

"Es gibt nur eine Richtung: Vorwärts in die Zukunft"

Es ist nun genau 40 Jahre her, dass wir vier Freundinnen zum ersten Mal alleine mit dem Bus abends in die nahe Kleinstadt fahren durften, um uns den Film „Zurück in die Zukunft“ anzuschauen. Der Film ist heute ein Klassiker, immer noch sehenswert. Die Hauptrolle ist besetzt mit dem seit vielen Jahren an Parkinson erkrankten Schauspieler Michael J. Fox als jugendlichem Marty  McFly. Mit Hilfe einer von seinem väterlichen Freund Doc Brown (Christopher Lloyd)  entworfenen Zeitmaschine, einen Delorean Sportwagen mit eingebautem „Fluxkompensator“, reisen die beiden aus dem Jahr 1985 zurück in das Jahr 1955.

Im Film geraten die Zeitebenen ordentlich durcheinander

Diese Reise verbraucht jedoch die ganze Energie des „Fluxkompensators“, so dass die beiden in der Vergangenheit „steckenbleiben“. Marty kommt nicht zurück in die Gegenwart und dummerweise verändert er auch noch die Vergangenheit, indem er aus Versehen verhindert, dass seine Eltern sich kennenlernen. Er muss nicht nur einen Weg finden, den Fluxkompensator wieder in Gang zu setzen, sondern auch dafür sorgen, dass seine Eltern sich kennenlernen und er überhaupt existiert. Im Film geraten die Zeitebenen ordentlich durcheinander, was den Film so unterhaltsam macht. 

Es ist das Nacheinander der Dinge und Ereignisse

Was ist eigentlich Zeit? – Es ist das Nacheinander der Dinge und Ereignisse. Es ist die Ordnung von Davor und Danach. Es ist die Folge von Gestern, Heute und Morgen, von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Und das Besondere am Nacheinander, -  im Unterschied zum Nebeneinander im Film, ist, dass es kein Zurück in der Zeit gibt. Zeitreisen in die Vergangenheit, um die Gegenwart zu beeinflussen, sind ein amüsantes Motiv in der Science Fiction; aber es gibt sie nicht, und wir merken, dass sie nach den Kategorien der Logik nicht funktionieren können. Aber trotzdem ist es ein interessantes Gedankenexperiment, in die Vergangenheit reisen zu können. Würde die Gegenwart wirklich besser sein, wenn wir mit dem Fluxkompensator in die Vergangenheit reisen  könnten? Eigentlich ist es ganz gut, dass wir diese Wahl nicht haben. Das Leben ist eine Einbahnstraße. Es gibt nur eine Richtung: Vorwärts in die Zukunft. Deshalb ist die Gegenwart der einzige Moment, wo wir die Weichen für unsere Zukunft stellen können.  

Mein Fluxkompensator heißt Gott

Mein Fluxkompensator heißt Gott, mit ihm kann ich Wege finden, die zu einem besseren Leben in der Gegenwart und in der Zukunft führen – für mich selbst und für die Menschen um mich herum. Es ist nie zu spät, um neu anzufangen und auf Gottes Führung zu vertrauen, so wie es Klaus Peter Hertzsch in einem Gesangbuchlied beschrieben hat: „Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt! Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land. Wer aufbricht, der kann hoffen in Zeit und Ewigkeit. Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit.“ (EG 395, 3)

Astrid Friedrichs, Pastorin in Lüdingworth

"Im Glauben an die Kraft des Gesprächs, der Versöhnung und des Miteinanders"

Ich hab’s ja mit Zahlen! Geburtstage, Geschichtsdaten, Telefonnummern, Daten von besonderen Ereignisse - so etwas merke ich mir gerne! Natürlich behalte ich nicht alles, was mir begegnet. Aber bei bestimmten Daten ist das so, dass ich fast automatisch an ein Ereignis denke, das ich mit diesem Tag verbinde.
Einer dieser für mich sinnreichen Tage ist der 20. Juli. Wenn jemand dieses Datum nennt, fällt mir wie auf Knopfdruck „Attentat auf Hitler“ ein und oft sage ich es auch. Manchmal passt es gar nicht in den Gesprächszusammenhang. Aber egal. Das soll gesagt werden. Und zumindest für einen Moment blitzt da etwas auf, was zwischen sommersonniger Leichtigkeit am Strand und Feiern (beim Deichbrand) einen neuen Horizont eröffnet.

Stauffenberg und Mitverschwörer werden noch in der Nacht erschossen

20. Juli 1944: Ein heißer Sommertag. Claus Schenk Graf von Stauffenberg platziert eine Aktentasche mit einem Sprengsatz im Führerhauptquartier „Wolfsschanze“. Das Attentat auf Hitler scheitert. Stauffenberg und andere Mitverschwörer werden noch in der Nacht erschossen.
Hinter diesem vom Adel und Teilen des Militärs getragenen Widerstand stand der sogenannte Kreisauer Kreis – ein Netzwerk aus Intellektuellen, Juristen, Sozialisten, Christen, Offizieren und anderen engagierten Menschen, das sich seit 1940 formiert hatte.

Kreisauer Kreis war in seiner Zusammensetzung ungewöhnlich vielfältig

Besonders Helmuth James Graf von Moltke war eine prägende Figur. Ihm gehörte das Gut, wo sich die besagte Gruppe traf. Der Ort liegt etwa 60 Kilometer von Wroclaw (ehemals Breslau) entfernt. Der Kreisauer Kreis war in seiner Zusammensetzung ungewöhnlich vielfältig – und genau das machte ihn so besonders: Trotz aller Unterschiede arbeiteten die Mitglieder gemeinsam an einer Vision für ein neues Deutschland und ein geeintes Europa.

Menschen mit verschiedenen Weltanschauungen kommen zusammen

Heute ist das ehemalige Gutsgelände der Moltkes eine Begegnungs- und Gedenkstätte. Anknüpfend an die Gedanken des Kreisauer Kreises von damals, geht es dem Neuen Kreisau ebenfalls um europäische Verständigung. Menschen aus Ost und West, Jung und Alt mit verschiedenen Weltanschauungen und Erfahrungen kommen zusammen, um einander zuzuhören, sich auszutauschen und voneinander zu lernen. Im Glauben an die Kraft des Gesprächs, der Versöhnung und des Miteinanders wollen sie Verantwortung für unsere Gesellschaft übernehmen.

"So viele Initiativen, die den Weg des konstruktiven Miteinanders gehen"

Gerade in einer Zeit, in der Polarisierung und Gereiztheit immer mehr zunehmen, lasse ich mich gerne daran erinnern, dass es viele kleine und große Initiativen gibt, die diesen Weg des konstruktiven Miteinanders suchen und gehen.

"Ein Hoch auf alle, die sich für das Gute, die Würde und Menschlichkeit einsetzen"

Wäre doch schön, wenn das auch in diesem Jahr am 20. Juli – und nicht nur dann! – klappt. Ein Hoch auf alle, die sich, wo auch immer, für das Gute, für Würde und Menschlichkeit einsetzen. Solche Menschen brauchen wir!

Sabine Badorrek, Pastorin in St. Abundus Groden

"Wir können jetzt in unseren inneren Frieden investieren, der dann nach außen geht"

„USA kein verlässlicher Partner mehr!“ „Legt Putin es auf einen Krieg mit dem Westen an?“ Negative Schlagzeilen wie diese können Löcher in unseren Hoffnungstank schlagen. Wir sollen und wollen uns ja informieren. Wie aber können wir in dieser komplexen Welt die Tugend der Hoffnung behalten und die Welt gestalten?
Viele reagieren auf negative Schlagzeilen folgendermaßen – und ich kenne diese Tendenzen auch in mir:

  • Mit Polarisierung scheint sich das Unübersichtliche zu ordnen. Mit schnellen Urteilen finden wir erstmal Halt – vordergründig.
  • Die anderen beschuldigen: „Die Regierenden…“,  „Der Präsident…“, „Die Bürgermeisterin…“ Ich bin dann ja einer von den „Guten“ – im Gegensatz zu „denen da“!
  • Moralische Überheblichkeit: „Wenn ich Präsident wäre, dann wäre ich nicht so geldgierig…“
  • Abweichler verurteilen: „Wenn du anderer Meinung bist, kannst du nur einer von den ‚Bösen‘ sein…“ Wir erinnern uns, wie hart in der Coronazeit Urteile gefällt wurden und wie das Familien belastete.

Jesus setzt anders an. Er lenkt den Blick auf den eigenen Handlungsspielraum. den gibt es nämlich: „Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.“ (Lukas 6, Verse 41-42, nächsten Sonntag für die evangelischen Gottesdienste vorgeschlagen).

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“

Jesus traut uns zu, unsere Sicht zu hinterfragen. Weil Gott wie ein liebevoller Vater zu uns steht, können wir genauer hinsehen, auch selbstkritisch. Wir können schwer nachvollziehbare Positionen respektvoll aushalten und klar in der Sache ablehnen im Bewusstsein: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ (Vers 36)
Wir trauen uns zu, komplexe Dinge klar zu bewerten. Aber weiter führt uns eher, in einem Schritt von Demut zu sagen: „Ich weiß nicht alles! Es ist kompliziert!“ -  und dies aus einem „gefestigten Innen“ heraus.
Beteiligen wir uns an Diskussionen! Aber dabei sollen wir versuchen zu verstehen und uns zu informieren: „Nach folgender Quelle denke ich…, bin aber offen für Korrektur…“, „Ich hoffe…“, „Ich bete…“

"In deiner ,inneren Kammer' kannst du Kontakt mit Gott finden"

Mir hilft es, bewusst und dosiert Nachrichten zu verfolgen. Das reicht mir einmal am Tag oder auch weniger. Ich kann nicht den Krieg in der Ukraine beeinflussen. Aber ich kann heute mit meinem Kind Zeit verbringen, statt dauernd online zu sein. Ich kann jetzt etwas tun für mein inneres Leben oder für andere – und muss mich nicht in Gedanken an draußen verlieren.
Wir sprechen wortreich vom Frieden in der Welt – dabei können wir jetzt in unseren inneren Frieden investieren, der dann nach außen geht.
In deiner „inneren Kammer“ kannst du Kontakt mit Gott finden und ihn Löcher in deinem Hoffnungstank flicken und diesen wieder füllen lassen. Denke an das, was du aus der Hand Gottes schon an Gutem empfangen hast, wo er dir durch Schwieriges hindurchgeholfen hat.

"Fangen wir bei uns an mit Vergebung und Frieden" 

Und mit ihm an der Seite nimm den Balken im eigenem Auge wahr und halte das aus: „Ich habe selbst Anteil am Unheil da draußen.“ Fangen wir bei uns an mit Vergebung und Frieden im eigenen Handlungsspielraum.
Wie war das noch am Anfang von Corona? Im Rückblick sehen wir: Vieles kommt schon schlimm. Aber wir sehen auch: Schlimmes kann bewältigt werden. Und manche Menschen sind sogar in dieser Zeit persönlich gewachsen. Schätze, wie der Wert von Nähe und Verbundenheit, wurden entdeckt und können weiterwachsen. Es geht im Leben nicht nur ums Überleben. Es geht darum, welche Menschen wir sind und werden.

Erik Neumann, Pastor in Altenbruch

"Ärmel hochgekrempelt und ab in den Weinberg des Herrn!"

Der Mitgliederverlust, mit dem die Kirchen zu kämpfen haben, ist sicherlich der wichtigste Indikator für das, was ihre Verantwortlichen umtreibt: die Sorge vor Bedeutungsverlust.
Diese Angst treibt merkwürdige Blüten: Segensbüros und Kasualagenturen sprießen aus dem Boden. An immer mehr Ecken ploppen Pop-up-Churches auf, und Pastoren und Pastorinnen kommen einem in der Fußgängerzone im Talar mit einem Pappschild um den Hals entgegen, auf dem steht: „Ich bete für Sie.“

"Seitdem Kirche existiert, unterliegt sie stetigen Veränderungen"

All diese Dinge sind Ausdruck der immer gleichen Sorge: Wie soll es weitergehen mit Kirche? Wenn alles anders wird – was bleibt dann noch?
Dass nicht alles so bleiben wird, wie es einmal war, ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Das ist aber auch nichts Neues. Seitdem Kirche existiert, unterliegt sie stetigen Veränderungen. Ecclesia semper reformanda est, formulierte Karl Barth 1947 prägnant: Die Kirche ist stets zu reformieren.

"Es braucht Mut und Kreativität, um in der Fläche präsent zu bleiben"

Angesichts des Rückgangs der Mitgliederzahlen, aber auch der weniger werdenden Hauptamtlichen, braucht es Mut und Kreativität, um in der Fläche als Kirche präsent zu bleiben.
Eines ist aber bei aller Angst um die Zukunft nicht zu vergessen: Kirche in ihrer irdisch verfassten Form ist, weil und solange Gott will. Das heißt: Sie ist ein Geschöpf Gottes, das zwar mit beiden Beinen knöcheltief im Morast der Welt steckt – das schon –, aber sie ist und bleibt ein Geschöpf Gottes. Wenn Gott wollte, dass unsere Kirche morgen nicht mehr sei, könnte auch der beste Haushaltsbeschluss der Landessynode daran nichts ändern.

"Die Kirche muss in ihrer Not über sich hinausweisen"

Das heißt nun aber nicht, die Hände in den Schoß zu legen. Denn solange es die irdischen Kirchen gibt, ist ihre Gestaltung unser Auftrag. Wir dienen dem Evangelium, wenn wir es auf Erden verkündigen und weiterhin Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass es gepredigt und gehört wird. Insofern ist die Kirche – und unser Ringen um ihren Erhalt – niemals Selbstzweck. Sie, die Kirche, muss immer auch in ihrer Not über sich hinausweisen und auf den zeigen, der ihr Heil ist: den Juden Jesus, unseren Christus.
„Dein Reich komme“, sprechen wir im Vaterunser. Doch bis es so weit ist, heißt es: Ärmel hochgekrempelt und ab in den Weinberg des Herrn!

Franziska May, Pastorin in Otterndorf, Osterbruch und Neuenkirchen

"Sich in simple Wahrheiten zu flüchten, ist eine Versuchung, der wir nicht erliegen dürfen"

"Es brennt, Brüder, es brennt! Ach, unser armes Städtchen, o weh, es brennt! … Steht nicht, Brüder, so herum mit verschränkten Armen. Steht nicht, Brüder, löscht das Feuer, denn unser Städtchen brennt."
So schrieb es Mordechaj Gebirtig 1938 in Krakau auf Jiddisch. Sie waren nicht gedacht für uns heute, diese Worte, doch mit Erschrecken muss ich feststellen, wie trefflich sie mein aktuelles Lebensgefühl widerspiegeln. Autokraten, Populisten und Faschisten aller Orten. Nationalgardisten stehen ihren Mitbürgerinnen und Mitbürgern gegenüber, Kriegsparteien tauschen Leichen aus, 122 Millionen Flüchtlinge weltweit und am Nachthimmel Drohnenschwärme anstatt Sternenfunkeln. Die Nachrichten über neue Angriffswellen schlagen ein in unseren Alltag und in unsere Herzen wie die Raketen Israels und des Iran.

Doch die Welt ist komplex und nicht selten auch richtig kompliziert

Angst wird zu einem beherrschenden Gefühl: Angst vor Wohlstands- und Identitätsverlust, Angst vor dem Fremden, vor allen aber Angst vor Krieg. Doch insgeheim weiß jeder, Angst ist ein schlechter Ratgeber, wenn es gilt, Kompromisse zu finden, Versöhnung zu stiften und Menschenrechte zu wahren. Verführt von den Algorithmen der sozialen Medien, flüchten sich immer mehr Menschen in simple Wahrheiten.
Doch die Welt ist komplex und nicht selten auch richtig kompliziert. Sich in simple Wahrheiten zu flüchten, ist eine Versuchung, der wir nicht erliegen dürfen. Wohin das führen kann, mahnen uns die Toten beider Weltkriege bis heute.

Brücken bauen durch ein hörendes Wort und ein denkendes Herz

Natürlich haben auch Christen kein Patentrezept für den Frieden auf Erden. Dies angesichts der Kreuzzüge zu behaupten, wäre absurd. Doch die Botschaft Jesu Christi, die Kirche unter den Trümmern ihrer Verfehlungen doch immer noch irgendwie bewahrt, lehrt, dass Brücken zwischen Andersdenkenden, Andersliebenden und Andersglaubenden allein durch ein hörendes Wort und ein denkendes Herz gebaut werden können und nicht durch das Schwert.

"Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet"

Gerade wenn es scheinbar an allen Ecken und Enden brennt wie zurzeit, sollten Christen auf der ganzen Welt umso dringlicher an ihrem Konzept der Brandbekämpfung festhalten: Beständig bleiben im Dialog, mit Gleichgesinnten wie auch mit Kritikern. Es geht darum, jeden Tag aufs Neue aus einer Wahrheit heraus für eine Wahrheit einzutreten, ohne diese dabei für jemand anderen als sich selbst absolut zu setzen. Dieser geradezu antifaschistische Absolutheitsanspruch des Christentums findet seinen pointierten Ausdruck in dem Gebot Jesu: "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet." (Mt 7,1).

Axel Scholz, Pastor in Otterndorf, Osterbruch und Neuenkirchen

Gottes Reich wie ein Senfkorn: Der kleinste Same wird zum größten Baum…

Mittlerweile hab ich es gut im Griff. Nachdem ich es über Jahre hatte schleifen lassen, hab ich mich in der letzten und vorletzten Saison ordentlich ins Zeug gelegt: Mit Erfolg. Jedenfalls dachte ich das!

"Zwischen den bunten Knospen mogelt sich wieder Giersch ans Licht"

Da stehe ich nun vor meinem prächtig blühenden Beet und zwischen den bunten Knospen mogelt sich doch wieder Giersch ans Licht. Ich ärgere mich. Dann huscht ein Schmunzeln über mein Gesicht: Ich bin mir sicher, hätte Jesus dieses essbare Wildkraut gekannt, er hätte es als Gleichnis herangezogen, wie die Lilien, die Dornen und Disteln oder das Senfkorn.

"Bricht ein Trieb ab, schadet es den Wurzeln nicht"

Gottes Reich wie ein Senfkorn: Der kleinste Same wird zum größten Baum… „Ein Glaube wie Giersch“… Dieses Bild gefällt mir: Starke Wurzeln, die sich unsichtbar teppichartig ausbreiten. Dabei umranken sie andere Wurzeln, stärken sich gegenseitig. Überall sprießen Triebe ans Licht. Blüht er auf, so bringt er neue Samen und neue Pflanzen hervor mit neuen Wurzeln. Bricht ein Trieb ab, schadet es den Wurzeln nicht. Und grabe ich das Wurzelnetz aus und es bleibt nur ein kleines Stück im Boden zurück, wird es neu wachsen.  

Wo erlebe ich, dass mein Glaube eingeflochten ist?

Mir den Glauben vorzustellen als ein Wurzelwerk, dass mit meinen anderen Wurzeln in Kooperation geht und das andockt an meine Lebenserfahrungen, bringt mich zum Nachdenken: Wo geschieht das genauso? Wo erlebe ich, dass mein Glaube eingeflochten ist? Die Beobachtung, dass der kleinste Fitzel Giersch-Wurzel ausreicht, um die Pflanze neu zum Leben zu bringen, erfüllt mich mit Zuversicht.

"Im Gespräch zu bleiben und Gott nicht loszulassen, hat mir geholfen"

Auch ich habe schon Zeiten erlebt, in denen Zweifel und Dunkel um mich herum stark waren, die Glaubenswurzeln mir nahezu ausgelöscht schienen. Und ich habe erlebt, wie sie dann doch wieder wachsen konnten. Im Gespräch zu bleiben und Gott trotz allem nicht loszulassen, hat mir geholfen. „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ war „mein Gebet“ in dieser Zeit. Doch das sind meine Erfahrungen – jede und jeder muss hier einen eigenen Weg suchen – dabei Begleitung zu erfahren ist ein Segen.
Ein Glaube, wie Giersch… Das wünsche ich Ihnen und Euch.
Kommen Sie gut durch das Wochenende.

Christina Kleingeist, Pastorin in Hechthausen

"Mit neuer Kraft und Inspiration die Herausforderungen anpacken"

Es ist ein Vormittag kurz vor Himmelfahrt in der Kita. Da erzähle ich von Jesus, wie er zurückkehrt zu Gott, seinem Vater im Himmel.  Dass die Freundinnen und Freunde, die zurückbleiben, nicht traurig sein sollen. Er verspricht Ihnen, dass der Geist von Gott kommen wird, um sie zu trösten. Er möchte Ihnen nahe sein und stark machen für ihr weiteres Leben.

„Ich brauche keinen Geist, ich habe doch meinen Bären!“

Eine Vierjährige sagt ganz klar und deutlich: „Ich brauche keinen Geist, ich habe doch meinen Bären!“ Ich frage nach und verstehe dann, dass sie ihr Kuscheltier meint. Das ist immer bei ihr, das tröstet und beruhigt sie und macht sie stark.
So nehme ich spontan das Bild des Kuscheltiers auf, um zu verdeutlichen, was da an Himmelfahrt und Pfingsten passiert: Jesus kehrt zurück zu Gott, von dem er ausgegangen war, um den Menschen von Gottes Liebe zu erzählen und sie auszubreiten und die Welt heller und freundlicher zu machen.

"Nach 40 Tagen wird er aufgehoben in die göttliche Liebe"

Durch die Liebeskraft war Jesus nach seinem Tod am Kreuz auferstanden und seinen engsten Angehörigen sehr nahe. Sie konnten ihren Freund sehen, hören und sogar anfassen und ihn auf wundersame Weise erleben. Nach 40 Tagen wird er aufgehoben in die göttliche Liebe. Er ist danach mit den menschlichen Sinnen nicht mehr erfahrbar. Deswegen schickt Gott den heiligen Geist! Dadurch kann die göttliche Geistkraft immer und überall bei uns sein. Jesus kann dadurch überall sein.

"Gott ist also nicht weit weg, sondern in hörbarer Nähe"

Morgen erinnert uns der Sonntag daran, dass Gott unsere Stimme hört, wenn wir zu ihm rufen. Gott ist also nicht weit weg, sondern in hörbarer Nähe. Zwischen Himmelfahrt und Pfingsten werden wir uns bewusst, dass wir Gottes Nähe brauchen, dass wir gehört und wahrgenommen werden wollen.

"Sehnsucht nach der stärkenden, inspirierenden, göttlichen Geistkraft in sich entdecken" 

Nächste Woche, am Pfingstfest, können wir dann feiern. das Gott uns seine tröstende, stärkende Kraft sendet - sozusagen als Kuscheltier für alle. Darauf dürfen wir uns freuen, darauf sollten wir uns besinnen, um mit neuer Kraft und Inspiration unsere Herausforderungen anzupacken. 
Ich wünsche allen, dass sie die Sehnsucht nach der stärkenden, inspirierenden, göttlichen Geistkraft in sich entdecken können und sie dann wie ein „Kuscheltier“ in ihrem Leben spüren können. 

Meike Müller-Bilgenroth, Pastorin in Ahlen-Falkenberg, Nordleda und Wanna

"Der Himmel umgibt uns bereits hier auf Erden"

Der Himmelfahrtstag steht vor der Tür - hoffentlich auch ein paar Stunden ohne Regen, damit wir in der Grimmershörnbucht am Donnerstag um 10.30 Uhr „Regionalen Buchtgottesdienst“ mit Musik der Kirchenband feiern können. Ich lade Sie alle ganz herzlich dazu ein - wenn es regnet, feiern wir den Gottesdienst in der St. Petri-Kirche.

"Etwas ganz Besonderes, mitten in der Natur Gottesdienst zu feiern"

Unter freiem Himmel. Mit unverstelltem Blick auf die Weite des Wassers. Ich empfinde es als etwas ganz Besonderes, so mitten in der Natur Gottesdienst zu feiern. Besonders am Himmelfahrtstag. Ein Lied, das wir auch miteinander singen werden hat folgenden Text: „Weißt Du, wo der Himmel ist? außen oder innen? Eine Hand breit rechts und links, Du bist mittendrinnen.“

"Manchmal das Gefühl, dass sich der Himmel ein Stück öffnet"

Der Himmel umgibt uns bereits hier auf Erden. In Sternstunden oder besonderen Momenten habe ich manchmal das Gefühl, dass sich der Himmel ein Stück öffnet. Am vergangenen Sonntag im Konfirmationsgottesdienst in der St. Petri-Kirche hatte ich solche Momente. Oder beim Kantatengottesdienst am Ostermontag. Ich lade Sie ein, auch solche Himmelsmomente zu sammeln und in Ihrem Herzen zu bewahren. Ich freue mich auf Sie und euch!

"Gott, wir sind hier unter Deinem schönen Himmel"

Nachfolgend finden Sie meinen Buchtgottesdienst-Psalm:
Gott, wir sind hier unter Deinem schönen Himmel.
Wolken, Licht, Sonne, Wind, Wellenrauschen,
die Signalhörner der Schiffe,
das Kreischen der Möwen,
die Gespräche der Menschen in der Bucht,
das Kinderlachen beim Spiel - all das umgibt uns.
Wir schauen aufs Wasser, unendliche Weite vor unserem Auge.
Blau, grau, weiß, grün, gelb.
Wolken wie auf Schnüren aufgezogen flankieren unseren Blick.
Der Wunsch danach, endlich wieder schwimmen zu gehen.
Der Gedanke an den Spaziergang nach dem Buchtgottesdienst.
Alles andere scheint weit weg.
Wir machen Pause vom Alltag, von unseren Sorgen.
Wir tanken auf, laden unsere Herzen voll mit diesen schönen Eindrücken
und sind ganz Teil Deiner wunderbaren Schöpfung.
Wie befreiend das ist, Teil eines großen Ganzen zu sein.
Gemeinschaft statt Einsamkeit. Was für eine Geborgenheit.
Und gleichzeitig unendliche Weite.
Wenn ich die Augen schließe und mein Hören auf das Rauschen der Wellen und die Möwen fokussiere.
Wenn ich richtig tief einatme, den Wind um die Nase spüre.
Wieder ausatme und wieder ein und aus und ein und aus…
Was für eine Wohltat!
Dank Dir Gott dafür. Amen.

Martina Weber, Pastorin in St. Petri Cuxhaven

"Damals war die Konfirmation noch etwas ganz Selbstverständliches"

Die Sonntage nach Ostern sind die Konfirmations-Sonntage: Überall volle Kirchen und aufgeregte Konfirmanden und Konfirmandinnen, schick gekleidete Menschen, Blumen und Geschenke. Und nach dem Festtag zählen die frisch Konfirmierten die Glückwunschkarten und die Geschenke.
Die Älteren denken an ihren eigenen Konfirmationstag zurück und an den „Ernst des Lebens“, der meist kurz danach begann: In Lehre gehen oder in Stellung, von zu Hause ausziehen, ein eigener Beruf, eigene Wege, ein eigenes Leben.  

Andere Freiheiten, aber auch andere Probleme

Heute bleibt man mit Vierzehn noch ein paar Jahre länger in der Schule. Und mit Vierzehn hat man heute ganz andere Freiheiten als damals. Aber auch andere Probleme - und nicht immer bessere Zukunftsaussichten.
Damals war die Konfirmation noch etwas ganz Selbstverständliches: Jeder ging zum Unterricht, der noch viel strenger und trockener war als heute. Man hat vielleicht nicht viel darüber nachgedacht, aber es gehörte eben dazu, um erwachsen zu werden.

Das Ende der Kindheit und der Anfang des Erwachsenenwerdens

Und am Konfirmationstag dann der Anzug mit Krawatte bei den Jungen, das erste richtige Kleid und elegante Schuhe bei den Mädchen. Und oft das erste Bier und die erste Zigarette bei der Feier zuhause. 
Was bleibt bei allen Unterschieden?  An den Konfirmationstag können sich auch die Älteren noch gut erinnern. Es war ein wichtiger Tag: Das Ende der Kindheit und der Anfang des Erwachsenseins.

Aber zugleich ist es auch wichtig, sich bewusst zu entscheiden

Ganz wichtig war es, an diesem Tag des Übergangs von Gott gesegnet zu werden. Gottes Segen soll uns auch weiter begleiten in unserem Leben. Aber zugleich ist es auch wichtig, sich bewusst zu entscheiden: Bei der Taufe damals wurden die meisten nicht gefragt. Konfirmiert wird aber nur, wer das auch ausdrücklich will. Wer zur Kirche, zu Gott und zum Glauben gehören möchte, der bekräftigt das mit der Konfirmation. Er nutzt nun selber das, was seine Eltern damals bei der Taufe stellvertretend für ihn begonnen haben. Er sagt „Ja“ zu seiner Taufe, Ja zu Gott.

Selber „Ja“ dazu sagen, dass Gott mich geschaffen hat und mich liebt

Konfirmation – gute Sitte und eigene Entscheidung: Ich möchte beides nicht missen. Konfirmation als Ende der Kindheit und Beginn des Erwachsenseins – auch im Glauben: Selbst entscheiden, ein eigenes Verhältnis zu Gott finden. – Selber „Ja“ dazu sagen, dass Gott mich geschaffen hat, mich liebt und mich begleitet, wo immer ich auch bin.

Klaus Volkhardt, Pastor in der Gesamtkirchengemeinde Am Dobrock und stellvertretender Superintendent

"Wir dürfen uns mit neuer Kraft der Sonne und den sommerlichen Wochen entgegenstrecken"

Vor kurzem haben wir mal wieder „ausgemistet“, da der letzte Umzug schon etwas zurückliegt und man bei einem solchen ja dazu oftmals ein Stück weit „genötigt“ wird. Danach kann sich jedoch so manches wieder angesammelt haben, was man eigentlich nicht mehr benötigt. Wir haben sogar einen ganzen Entsorgungscontainer voll ausgemistet und einiges gespendet und verschenkt. Bei einigen Dingen wie konkretem Müll von Renovierungen oder Kartonagen ist das noch recht einfach. Aber bei so manch anderen Dingen steht man manchmal schon vor dem Regal und fragt sich, könnte ich das nicht doch noch mal gebrauchen?

"Oftmals fällt die Entscheidung gar nicht so leicht"

Eine Faustregel ist da zum Beispiel bei Kleidung: Alles, was nicht mindestens einmal im Jahr genutzt wurde, kann getrost weg. Neben Kleidung gibt es ja noch vielerlei andere Dinge, wie Hausrat oder Dekoobjekte. Oftmals fällt die Entscheidung gar nicht so leicht. Man sollte immer daran denken, wie viel Platz man gewinnt, wenn man sich für das Weggeben entscheidet. Kann etwas verkauft oder verschenkt werden, fällt einem die Trennung schon leichter. 

"Sich auf ein minimalistisches Leben einzurichten, liegt im Trend"

Es liegt voll im Trend, sich auf ein minimalistisches Leben einzurichten. Diejenigen, die vorhaben sich zu reduzieren und vielleicht sogar in ein Tinyhouse ziehen möchten, um mit weniger auszukommen, müssen sich zwangläufig mit der Frage der Reduktion ihrer persönlichen Güter beschäftigen.

Mehr Zeit haben für die elementaren Dinge, die uns wichtig sind

Für alle ist es aber immer gleich: Man kann sich immens befreit fühlen, loszulassen, sich zu reduzieren, eine Klarheit und Begrenztheit für sein Leben zu schaffen. Wir brauchen uns nicht mehr um so viele Dinge unseres Besitzes kümmern, wir haben mehr Zeit für die elementaren Dinge, die uns wichtig sind.

"Wir sind nicht mehr so gebunden, unseren Besitz zu halten"

So hat dieses Überdenken, was materialistisch zu uns gehört und reduziert werden könnte, auch Auswirkungen für unsere Seele – es kann absolut befreiend wirken. Frisch können wir reduziert neu durchstarten – uns selbst mehr ins Blickfeld nehmen und uns selber besser spüren. Wir sind nicht mehr so gebunden, unseren Besitz zu halten.

„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid"

Genauso ist es auch mit seelischem Ballast wie Trauer, Schuld, Einsamkeit, Erschöpfung, Hoffnungslosigkeit, wo Christus uns zuspricht: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“ (Mt. 11,28). Was für ein schönes Bild, grad in der heutigen wirren und endzeitlich anmutenden Zeit einen unverrückbaren, ruhenden Pol in Christus zu haben, der uns dieses schon seit Jahrhunderten zuspricht. 

"Sommerzeit - unbeschwert und leicht"

So wie jetzt in den trockenen Wochen vieles lechzt nach Erfrischung und man nach einem Regenguss merkt, wie die Pflanzen plötzlich erfrischt sprießen, so dürfen wir uns auch erfrischen lassen und uns mit neuer Kraft und Frische von Ballast befreit der Sonne und den vor uns liegenden sommerlichen Wochen entgegenstrecken. Frei nach Grönemeyer: „Sommerzeit – unbeschwert und leicht“. 

Ob fürs persönliche Hab und Gut oder für manchen seelischen Ballast

Haben Sie Ihren „Container“ zum Ballastabwerfen schon bestellt, ganz gleich ob für Ihr Hab und Gut, oder für so manchen seelischen Ballast? Ich wünsche Ihnen am Sonntag dazu gute Gedanken, gehen Sie befreit und gesegnet in den Sonntag und die neue Woche – es lohnt sich!

Jörg Peters, Diakon

"Hoffnung, die von Gott kommt und die mitten im Leben steht"

Die Luft riecht nach Frühling. Die Bäume blühen und das Licht hat sich verändert. Mit jedem Tag wird es ein bisschen heller, wärmer, freundlicher. Es ist, als würde das Leben selbst einen neuen Anlauf nehmen.
Auch in den Kirchen ist das spürbar. Es ist die Zeit der Konfirmationen. Junge Menschen sagen Ja zu sich selbst, zur Gemeinschaft und – vielleicht ganz leise – auch zu einem Glauben, der sie durchs Leben tragen soll. Und der sie aufmerksam werden lässt für eine Dimension des Lebens, die sie ohne Religion nicht finden würden.

"Ich wünsche dir, dass du nie aufhörst, zu hoffen"

Das ist auch für viele Ältere ein bewegender Moment. Ich erinnere mich an einen Großvater, der bei der Konfirmation seines Enkels sagte: „Ich habe nicht mehr so viel Zeit wie ihr. Aber ich wünsche dir, dass du nie aufhörst, zu hoffen!“

Wiedegeboren zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung

„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus", so heißt es im Wochenspruch, „der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten“ (1 Petrus 1,3).
Ein starker Satz! Wiedergeboren – zu einer lebendigen Hoffnung. Keine Vertröstung, kein billiger Trost. Sondern Hoffnung, die von Gott kommt und die mitten im Leben steht! Sie trägt, auch wenn es schwer wird. Diese Hoffnung ist nicht naiv. Sie sieht das Dunkle. Aber sie glaubt daran, dass es nicht das Letzte ist!

"...dass mitten in allem, was zerbricht, Neues beginnt"

Ich finde, so kann man die Botschaft von Ostern zusammenfassen: Dass mitten in allem, was zerbricht, Neues beginnt. Dass Leben stärker ist als der Tod. Dass wir weitergehen können, auch wenn wir nicht alles verstehen.  Diese Hoffnung braucht keine großen Worte. Sie zeigt sich in kleinen Gesten: in einem freundlichen Blick, einem ehrlichen Gespräch, einem mutigen Schritt nach vorn. Sie zeigt sich, wenn Menschen trotz allem an das Gute glauben – in der Welt, in anderen, in sich selbst. 

"Nicht fertige Antworten, sondern eine Haltung"

Vielleicht ist das das größte Geschenk, das wir weitergeben können: Nicht fertige Antworten, sondern eine Haltung. Ein Vertrauen, dass Leben gelingt. Dass aus dem Heute ein Morgen wird. 
„Eine lebendige Hoffnung“ – das ist mehr als Optimismus. Es ist eine Kraftquelle! Und vielleicht braucht die Welt heute nichts nötiger als das. Möge sie uns erfüllen – und auch in denen weitersprudeln, die jetzt ihren Weg beginnen.

Manuela A. Heise, Pastorin in Sahlenburg und Altenwalde

"Denn wahre Osterfreude kommt nicht aus dem Supermarktregal"

Fasten war noch nie so einfach: Die Schokoladenpreise haben es dieses Jahr geschafft, mir den Appetit komplett zu verderben. Ein Schokohase für den Gegenwert eines Kleinwagens? Nein, danke. Und während ich so durch die Regale streife, keimt ein ketzerischer Gedanke in mir: Könnte man die Ostereiersuche nicht einfach abschaffen?

"Wäre Ostern ohne Schokolade überhaupt noch Ostern?"

Aber Moment – wäre Ostern ohne Schokolade überhaupt noch Ostern? Ohne die alljährliche Tradition, im Garten oder Wohnzimmer verzweifelt nach Eiern zu fahnden, die irgendjemand so gut versteckt hat, dass sie erst zu Weihnachten wieder auftauchen?

"Die ersten Jünger hatten auch keine Osterhasen aus Edelvollmilch"

Vielleicht ist genau jetzt die Gelegenheit, das Fest neu zu entdecken. Die ersten Jünger hatten schließlich auch keine Osterhasen aus Edelvollmilch, und trotzdem war ihr Ostermorgen spektakulär: Statt bunter Eier fanden sie ein leeres Grab – und die beste Nachricht aller Zeiten! „Er ist nicht hier, er ist auferstanden!“ (Lukas 24,6).

"Ein Geschenk, das kein Preisschild kennt"

Die wahre Osterfreude hat also wenig mit Kakaoanteil zu tun, sondern mit einem Geschenk, das kein Preisschild kennt: neues Leben, Hoffnung, Auferstehung! Vielleicht feiern wir dieses Jahr anders – mit einem Spaziergang durch die blühende Natur, bei dem wir staunend entdecken, dass das Leben immer wieder aufbricht. Mit einem fröhlichen Osterlied, das ruhig auch schief gesungen werden darf. Mit einem freundlichen Wort an jemanden, der es dringend braucht. Oder mit einer Geste der Liebe, die nichts kostet, aber alles bedeutet.

Vielleicht schmeckt die Schokolade nächstes Jahr umso besser...?!

Und wer weiß – vielleicht schmeckt die Schokolade nächstes Jahr umso besser, wenn wir dieses Mal gemerkt haben, dass Ostern auch ohne sie wunderbar ist. Denn wahre Freude kommt nicht aus dem Supermarktregal, sondern aus dem Herzen.
Frohe Ostern – mit oder ohne Schokolade, aber garantiert mit Hoffnung!

Kerstin Tiemann, Superintendentin des Kirchenkreises Cuxhaven-Hadeln

"Es braucht unser Rückgrat, unser Kreuz als Zeichen"

Wir Christen haben ein Zeichen. Es ist das Kreuz. Die Juden haben ihren Davidstern, die Muslime ihren Halbmond. Trägt man das Zeichen, versammelt man sich darunter mit Gleichgesinnten. Auf diese Weise zeige ich ein Stück von mir selbst und von meinen tiefen Lebens-Überzeugungen. Bei uns ist das Kreuz ein Zeichen des Sterbens, auch des Scheiterns. Es ist ein Kreuz mit manchen Dingen, die uns schwerfallen. Dabei schwingt mit, was das Kreuz auch ist: Folter, Leiden, Scheitern.

"Und der, der es einst getragen hat, ist Gottes Sohn"

Der das Kreuz zum Symbol gemacht hat, woran man uns Christinnen und Christen erkennt und der es einst getragen hat, ist Gottessohn und Erlöser. Sein Vater, unser Gott, hat das Kreuz am Ostermorgen zum Siegeszeichen des Lebens gemacht.

"So wurde das Kreuz von Gott her neu gedacht"

Die Auferstehung war der Einspruch gegen das Böse von ganz oben. Stellungnahme gegen das Foltern, gegen das Morden, für Mitmenschlichkeit, Respekt und Menschenwürde. So wurde das Kreuz von Gott her neu gedacht. Jesus war das Opfer, das letzte, das Lamm, das aus der Macht des Bösen befreit. Ein für alle Mal. Es wurde zum Ruf für Auferweckung, für Erwachen der Liebe zum Leben, einem Lebensruf an uns, der niemals endet.

Jubel, Kundegebungen und Demonstrationen

Was Jesus geschieht, erleben wir in der Menschheitsgeschichte immer wieder. Jubel, Kundgebungen und Demonstrationen für gelingendes Leben, Energie für Aufbrüche in eine menschenfreundliche Zukunft. Serbien, Georgien, Belarus, Ägypten, Tunesien…

"Brutale Macht ist anziehend"

Am Palmsonntag Jubel der Hoffenden. Die nicht mitmachen, beobachten und planen schon die Reaktion, die Hinrichtung. Jesus wird verhaftet, gefoltert in Folterkellern und öffentlich hingerichtet als Demonstration derer, die die Macht dazu haben. Es ergötzen sich viele. Brutale Macht ist anziehend.

"Wir erleben das im Erstarken rechter Ideologien"

Wir haben erlebt, dass Putin das mal eben auch mit zwei Raketen auf Sumy und der heftigen Kritik an unseren zukünftigen Bundeskanzler an einem Palmsonntag kommuniziert. Wir erleben das im Erstarken rechter Ideologien und Gruppen und dem Aufruf zum Aufmarsch in Cuxhaven am kommenden Wochenende.Manche bezeichnen unser Rückgrat als Kreuz.

"Es ist Osterzeit - Aufstehzeit"

Es braucht unser Rückgrat, unser Kreuz als Zeichen am 26. April ab 13 Uhr auf dem Rathausplatz in Cuxhaven und die Demonstration, dass wir, wie unser Gott, auf frühlingshaft Bunt stehen, auf Erwachen der Liebe und auf Gerechtigkeit für alle Geschöpfe. Es ist Osterzeit - Aufstehzeit.

Achim Wolff, Pastor in Altenwalde

"Halte dich an sein Wort, übe Liebe und sei nicht übermütig vor deinem Gott“

„Wenn du wirklich etwas tun willst, findest du einen Weg, wenn nicht, findest du eine Ausrede“ – dieser Satz bringt die Widersprüchlichkeit unserer menschlichen Natur auf den Punkt. Da unterscheidet sich mein kleines Leben nicht von dem in der großen Politik. Menschen sind Meister darin, Ausreden zu finden, um anstrengende Veränderungen zu umgehen. Statt einen Weg zur Lösung zu suchen, richten wir uns in den Sackgassen des Lebens ein.

"Die guten Menschen sind verschwunden aus dem Lande"

Diese Einsicht ist so alt, dass selbst der Prophet Micha, der vor rund 2800 Jahren im krisengeschüttelten alten Israel lebte, davon berichten kann. Mit erschütternden Worten beschreibt er die Gesellschaft seiner Zeit: „Die guten Menschen sind verschwunden aus dem Lande, und kein Rechtschaffener ist unter den Menschen. Alle lauern auf Blut, ein jeder jagt den anderen, und die Hände der Menschen sind bereit, Böses zu tun.“ Michas Welt hat ihren inneren Kompass verloren. Die guten Menschen, die mit ihrem guten Willen eine Gesellschaft zusammenhalten, werden von denen verdrängt, die Ausreden und einfache Erklärungen parat haben, um ihr böses Tun zu rechtfertigen.

Prophet Micha ruft dazu auf, den inneren Kompass wiederzufinden

In einer Welt, in der Lieblosigkeit die Liebe überwuchert wie Unkraut die Blumen in meinem Garten, ruft Micha die Menschen dazu auf, den inneren Kompass wiederzufinden und schreibt: „Du weißt doch, Mensch, was gut ist und was Gott von dir erwartet: Halte dich an sein Wort, übe Liebe und sei nicht übermütig vor deinem Gott.“

Dr. Lutz Meyer, Pastor

Jesus macht sich klein, verzichtet auf einen Platz in der ersten Reihe

Kennen Sie noch einen Knicks? Als ich Kind war in den 60er und 70er Jahren, da mussten wir Mädchen einen solchen Knicks machen. Die Jungs machten einen Diener. Wir Kinder zeigten damit den Erwachsenen, dass sie groß sind und wir klein aber auch unsere Wertschätzung. Da wurde nicht viel gefragt, man machte das eben so.
Richtige Diener kannten wir Kinder aus dem Fernsehen. Da waren wir jeden Samstag zu Gast im „Haus am Eaton Place“ bei Familie Bellamy und ihren Dienstboten. In meiner Erinnerung trug Mr. Hudson immer Frack und weiße Handschuhe. Er hatte alles im Griff und war Respekt einflößend. Und unvergessen natürlich auch Butler Martin Jente aus „Einer wird gewinnen“. „Herr Martin“ brachte Hans Joachim Kulenkampff am Ende jeder Show immer Mantel, Schal und einen strafenden Spruch. Er hatte das Sagen und das letzte Wort. Richtige Diener im richtigen Leben sind mir nie begegnet.

Ihm liegt unsere Erlösung so sehr am Herzen, dass er sogar in den Tod geht

Im Matthäusevangelium heißt es im 20. Kapitel in Vers 28: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.“ Mit dem Menschensohn ist Jesus gemeint. Er macht sich klein. Er verzichtet auf einen Platz in der ersten Reihe. Ihm liegt die Erlösung von uns Menschen, unsere Befreiung von allem, was uns ängstigt und bindet so sehr am Herzen, dass er dafür sogar bis in den Tod geht.

Er gibt uns Freiheit von uns selbst, das ist sein Dienst

Ein merkwürdiger Diener. Ganz anders als alle, die ich aus dem Fernsehen kenne. Er trägt keinen Frack und keine weißen Handschuhe aber er gibt uns die Würde zurück, die wir durch unser Tun immer wieder verlieren. Er gibt uns Freiheit von uns selbst, das ist sein Dienst.

Dr. Sabine Manow, Pastorin in der Martinskirche und stellvertretende Superintendentin

Mitten in der Fastenzeit leuchtet ein Vorgeschmack auf Ostern

Kennen Sie Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland? Ich mochte diesen freundlichen alten Herrn aus Theodor Fontantes Ballade schon als Kind. Er schenkt Jung' und Lütt Dirn im Herbst seine Birnen. Lecker! Doch dann stirbt Herr von Ribbeck. Aus ist es mit den Birnen. Der geizige Sohn hält den Birnbaum streng verwahrt, und die Kinder haben das Nachsehen. Doch Gott sei Dank nicht lange! Denn Herr von Ribbeck hat über seinen Tod hinaus für die Kinder gesorgt. Eine Birne sollte man ihm mit ins Grab geben. Und siehe da: Drei Jahre später ist der neue Birnbaum schon zu sehen. Bald darauf können die Kinder wieder Birnen vom Grab des Herrn von Ribbeck empfangen. Welch ein Genuss!

Seht auf die reiche Ernte, die aus dem Grab Christi für uns Menschen erwächst

Diese Ballade passt zum vierten Sonntag der Passionszeit. Mitten in der Fastenzeit leuchtet hier schon ein Vorgeschmack auf Ostern auf. Lätare, also „Freuet euch!“, heißt der Sonntag. Seht auf die reiche Ernte, die aus dem Grab Jesu Christi für uns Menschen erwächst!
Jesus hat den Sinn seines Todes einmal mit einem Weizenkorn verglichen (siehe Joh. 12,24). Nur wenn es in die Erde gesät wird, das Korn gewissermaßen stirbt und begraben wird, kann es aufbrechen, keimen und zu einer neuen Ähre reifen. Ein einziges Korn wird verwandelt in eine Vielzahl goldener Körner. „Daher seid nicht traurig über meinen Tod!“, höre ich Jesus sagen. „Er schenkt neues Leben und dient zu eurer Freude!“

Mit den Mini-Pilgergruppen durchs "Duhner Paradies"

Etwas von dieser paradiesischen Freude spüre ich, wenn ich mit meinen Mini-Pilgergruppen von der Urlauberseelsorge im „Duhner Paradies“ halt mache. Das gibt es tatsächlich! Es liegt, etwas versteckt, in der Duhner Ferienanlage, frei zugänglich und ausgeschildert am Wehrbergsweg.  Heute ist es ein kleiner verwunschener Park mit Adam- und Eva-Figuren einschließlich Schlange und Apfel. Darüber wacht das Auge Gottes. Früher standen hier die Obstbäume von Bauer Schumacher gut eingezäunt. Das allerdings hielt die Duhner Dorfjugend in der Nachkriegszeit nicht ab, von den verbotenen Früchten aus Nachbars Garten zu naschen.

Wie wird der Ort wohl sein, den Jesus für uns vorbereitet hat?

Beim Pilgern singen wir dort und sinnen darüber nach, wie der Ort wohl sein wird, den Jesus Christus für uns vorbereitet hat im Himmelreich. Ist es ein blühender Garten mit süßen Früchten und Vogelstimmenkonzert? Eine wunderschöne Villa? Ein harmonisches Wiedersehn mit denen, die vor uns waren? Ein großes Festessen? Jedenfalls ist es ein fröhlicher Ort, an dem Gottes Liebe uns ein köstliches Zuhause geschaffen hat in Zeit und Ewigkeit.

Maike Selmayr, Pastorin in Cuxhaven

Einfach mal innehalten im Trubel und auf sein Wort hören

Was ich nicht höre, das wurde nicht gesagt. Wenn das doch so einfach wäre… Kinder können das gut: auf „Durchzug“ stellen. Vertieft im Spiel oder gefesselt durch das Entdecken einer neuen Fertigkeit, können sie alles andere ausblenden. Sie leben "nur" im Hier und Jetzt.

Das Zuhören ist mittlerweile so schwierig geworden

In der Politik scheint es manchmal ebenso zu sein: Politiker und Politikerinnen versuchen - mächtig eingebunden durch die Suche nach tragbaren Finanzlösungen für unser Land - auf ihre Themen sowie ihre politischen Bedarfe aufmerksam zu machen. Viele von ihnen hören aber nicht auf die Themen, die gerade bei ihren Wählerinnen und Wählern dran sind.
Aber ist es nicht genau das, was wir derzeit benötigen? Das Zuhören ist mittlerweile so schwierig geworden. Überall um uns herum hören wir Menschen sprechen, singen, diskutieren, lamentieren oder auch schreien. Überall um uns herum klingeln Telefone, läuft Musik, fahren Autos, wird gebaut und vieles mehr. 

Unsere Ohren sind den ganzen Tag beschäftigt

Wann ist es mal so still um mich herum, dass ich die Ohren spitzen muss, um tatsächlich ein Geräusch zu vernehmen? Unsere Ohren sind den ganzen Tag beschäftigt, um überall hinzuhören. Dabei ist es dann gar nicht so einfach, das Gesagte auch wiedergeben zu können.
Und dann ist da auch noch Gott, der uns Dinge mitteilen möchte, der sich ebenfalls Gehör verschaffen möchte. Auch er redet mit uns. Manchmal trifft uns sein Wort unvermittelt, wie durch einen Ruf oder einen Knall. Wir erschrecken uns, dass es uns trifft, und wir fühlen uns vom Wort Gottes plötzlich angesprochen. Scharf, verletzend oder trennend kann es uns treffen. Und wir wissen nicht, was wir davon halten sollen.

Auch Politikerinnen und Politiker sollten zwischendurch innehalten

Auf der anderen Seite kann das Wort Gottes auch leise daherkommen. In einer ruhigen Minute lesen wir zum Beispiel einen Text, der uns nicht mehr loslässt, der sich in uns hineinschleicht und Wurzeln bildet. Hören wir überhaupt hin? Bekommen wir das Wort Gottes noch mit? Wenn ja, was macht es mit uns? Wenn nein, verpassen wir eventuell etwas?
Ich wünsche mir, dass auch unsere Politikerinnen und Politiker zwischendurch innehalten und sich mal fragen: Was will Gott eigentlich für unser Land? Und was kann ich dafür tun?

Silke Marx, Diakonin in Altenwalde und Emmaus (Region Cuxhaven)

Machen wir uns auf den Weg - ohne Angst und mit Gottvertrauen

Ein Satz aus einem Faßbender-Film der 70er Jahre schleicht sich in diesen Tagen immer wieder in meinen Kopf – obwohl ich diesen Streifen nie gesehen habe. Im Internet erfahre ich, dass ein junger Mann aus Nordafrika, der zum Arbeiten in die Bundesrepublik gekommen ist, ihn zu der wunderbaren Brigitte Mira gesagt hat. Sie spielt eine ältere Dame, die mit dem jungen Mann eine Beziehung aufnimmt.

"...ein Satz, der das umschreibt, was heutzutage in der Welt los ist"

Angst essen Seele auf – ein Satz, der das umschreibt, was heutzutage in der Welt so los ist: Wir haben Angst – vor wirtschaftlichen Verlusten, vor gesundheitlichen Einschränkungen, vor der Klimakrise, vor dem Krieg in Europa, vor jenen Politikern, denen Menschenwürde nichts mehr zu gelten scheint. Angst essen Seele auf – ein Satz, der Angst machen kann. Davor, dass unsere Seele verloren geht. Und mit unserer Seele all das, was das Leben so lebenswert macht. 

Seit mehr als 2000 Jahren gibt es ein Alternativprogramm

Dabei gibt es ein Alternativprogramm, das uns seit mehr als 2000 Jahren vorliegt. Es ist ein Satz, der kurz umreisst, was Gott sich für uns wünscht: Ein Leben ohne permanente Angst, ein Leben im Vertrauen in die Mitmenschen, die es gut mit uns meinen und ein Leben im Glauben an den einen Gott, der uns so viel mehr zusagt, als das, was wir Menschen uns gegenseitig zu bieten haben. 

Unsere Seele wachrütteln und nicht abstumpfen lassen

Machen wir uns also auf den Weg und versuchen wir, unsere Seele wachzurütteln und sie nicht von den politischen Verwerfungen der heutigen Welt, von ihren Kriegen und ihrer Ungerechtigkeit abstumpfen zu lassen. Machen wir uns auf den Weg zu unseren Nachbarn, mit denen wir lange nicht gesprochen haben. Auf den Weg zu den Teilen der Familie, von denen wir lange nichts gehört haben. Und machen wir uns auf den Weg in unsere nächste Gemeinde und zum nächsten Gottesdienst und vertrauen wir darauf, was Jesus spricht: „Auch ihr seid jetzt traurig. Doch ich werde euch wiedersehen. Dann wird euer Herz voll Freude sein, und diese Freude kann euch niemand mehr nehmen.“ (Johannes 16, 22)

Helga Skrandies-Brihmani, Diakonin der Martinskirche und der Gnadenkirche in Cuxhaven

Nicht nur in der Fastenzeit: Keine Panik und immer schön regelmäßig atmen

„Luft holen! Sieben Wochen ohne Panik“ – dieses Motto hat die Evangelische Landeskirche Hannovers für die Fastenzeit ausgegeben. Gemeint haben die Kirchenoberen, dass unsereiner sich in den Wochen nach Karneval hin und wieder mal ans Meer stellen sollte, um im Rhythmus der Wellen die salzige Luft zu atmen. Ganz bewusst. Ganz ruhig. Unser Leben hänge schließlich davon ab, regelmäßig zu atmen. Einatmen. Ausatmen. Rund 20.000-mal am Tag.

Strategien helfen dabei, Panik zu vermeiden

Das will meine Chefin, Superintendentin Kerstin Tiemann, keineswegs abstreiten. Für sie ist klar: Panik entsteht nur dann, wenn man keine Strategien hat, um auf unerwartete Situationen zu reagieren. In unserem Kirchenkreis sei Panik deshalb ein Fremdwort. Aber meine Chefin weiß auch: Die atemlosen Zeiten mit zunehmender Gewalt und Hetze lassen viele von uns atemlos zurück. Für diese Menschen ist es schwieriger denn je, durchzuatmen und eine andere Sicht auf die Dinge zu entwickeln.

Zuversicht spenden und Vertrauen stärken

Deshalb ist Kirche wichtig, und wird immer wichtiger werden. Die Pastorinnen und Pastoren, die Diakoninnen und Diakone und all jene, die in unserem Kirchenkreis die frohe Botschaft verkünden, geben Trost, spenden Zuversicht und stärken uns im Vertrauen auf Gottes allumfassende Liebe. Bei Gott sind wir gut aufgehoben. Auch und gerade in diesen Zeiten.
Im Vertrauen darauf kann es uns in den nächsten sieben Wochen bis Ostern – und darüber hinaus – gelingen, einmal wieder in Ruhe durchzuatmen. Ob nun am Meer, im Wald, auf dem Sofa oder anderswo.

Andreas Schoener, Referent für Öffentlichkeitsarbeit im Kirchenkreis Cuxhaven-Hadeln

Brückenbau der besonderen Art in St. Severi

Fast schon Geschichte, doch das beklemmende Gefühl bleibt: Auch in unserem Kirchenkreis Cuxhaven-Hadeln. Bald muss sich zeigen, wie die Parteien mit der Verantwortung umgehen, die wir ihnen durch unsere Stimme übertragen haben. Die Erwartungen sind hoch. Umso mehr ist es an der Zeit, einmal innezuhalten, Atem zu holen und Kraft zu schöpfen. Das gilt auch für jene, die wir mit unserem Votum nach Berlin geschickt haben, um sich dort für uns einzusetzen.

Das richtige Angebot zur richtigen Zeit

Deshalb kommt der Gottesdienst genau richtig, zu dem Superintendentin Kerstin Tiemann für Sonntag, 16. März, 17 Uhr, in die St. Severi-Kirche nach Otterndorf einlädt. "Führung mit Verantwortung – Gebet für unsere politischen Entscheidungsträger“ hat sie die Zusammenkunft überschrieben. Kerstin Tiemann möchte den Politikern in unserer Region – unabhängig vom Parteibuch – einen Raum bieten für Ruhe, Weitsicht und für die innere Haltung, die notwendig ist, um weise und gerecht zu entscheiden. Dabei soll der Glaube an Gottes unerschöpfliche Liebe helfen, Anlauf zu nehmen fürs schwierige Amt.

Brücken der Verständigung bauen, statt Mauern der Intoleranz

Nach dem Gottesdienst ist ein Empfang geplant - Möglichkeit zum Dialog. Wir Christen - ob nun in politischer Verantwortung oder nicht - sind gehalten, den Auftrag von Kirche mit Leben erfüllen: für den Nächsten dazusein, einander wertschätzend zu begegnen und dort Brücken der Verständigung zu bauen, wo andere Mauern der Intoleranz errichten. Vielleicht sind Sie am Sonntag dabei, um tatkräftig mitzubauen?

Andreas Schoener, Referent für Öffentlichkeitsarbeit im Kirchenkreis Cuxhaven-Hadeln

Trotz Weihnachten: Kleine Familie in höchster Not

Ein Mann steht kurz nach Weihnachten vor der Tür der Superintendentur in Otterndorf. Es ist kalt. Und sein Gesicht spricht Bände: bodenlose Verzweiflung. Wir gehen in mein Büro. Eine Tasse Kaffee zum Aufwärmen und ein Gespräch schließen sich an. Erst langsam taut mein Gegenüber auf. Und das liegt nicht an der winterlich nassen Kälte allein. Es ist Scham, die ihn so zögerlich macht.

Unverschuldet in finanzielle Not geraten

Nach und nach wird jedoch deutlich, dass er und seine kleine Familie unverschuldet in finanzielle Not geraten sind: In der Übergangszeit zum neuen Job in der Region ist ihm das Geld ausgegangen. Die Behörden spielten nicht mit, die Bank sperrte vorübergehend seine Konten. Und irgendwann war Ebbe in der Familienkasse. Nichts mehr zu essen.

Notleidende sind mitten unter uns - auch an Weihnachten

Wie unglaublich es doch ist, dass ein Mensch mitten unter uns Not leiden muss, während wir Weihnachten feiern, einander beschenken und fröhlich sind. Besagter Mann hat sich nicht getraut, an den Feiertagen in die Kirche zu gehen, um einen Gottesdienst zu besuchen. Er wäre in Tränen ausgebrochen ob all der Ungewissheit, die derzeit sein Leben bestimmt, sagt er und senkt den Kopf. Mit leeren Händen ist der Mann nicht zu seiner Familie zurückgekehrt an diesem trüben Vormittag.

Den Blick auf seine Mitmenschen nicht vergessen

Ich wünsche mir, dass wir einen Blick haben auf jene, die unter uns leben, still sind und sich kaum zeigen. Bei Matthäus in Kapitel 25, Vers 40, heißt es: "Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan."

Kerstin Tiemann, Superintendentin des Kirchenkreises Cuxhaven-Hadeln