Auch der Regen kann die Erinnerung nicht wegspülen

Nachricht Otterndorf, 05. September 2026

Es goss in Strömen. Immer und immer wieder. Rund um die neue Gedenktafel auf dem Friedhof in Otterndorf standen die Gäste dichtgedrängt unter Schirmen, die Tropfen liefen über ihre Gesichter und über die frisch aufgestellte Tafel. Eigentlich hätte man sich für einen solchen Moment wohl anderes Wetter gewünscht. Und doch passte dieser Freitag auf eine eigentümliche Weise zu dem, worum es hier ging: um Erinnerungen, um die Spuren von Krieg und Gewalt – und um die Verantwortung, sie nicht verschwinden zu lassen.

Über die Friedhöfe zur St.-Severi-Kirche hinein in die Stadt

Zwölf Orte des Erinnerns sind auf der neuen Tafel verzeichnet. Sie führen über die Friedhöfe, zur St.-Severi-Kirche und hinein in die Stadt. Sie erzählen von Gefallenen vergangener Kriege, von Zwangsarbeiterinnen und ihren Kindern, von Menschen, die Opfer von Krieg und Gewalt wurden. Einer dieser Orte erinnert an 14 Säuglinge polnischer und russischer Zwangsarbeiterinnen, die während des Zweiten Weltkriegs in Otterndorf starben. Ihre Namen und Lebensdaten stehen für Schicksale, die lange kaum jemand kannte.

„Erinnern und Gedenken ist Arbeit für den Frieden“

„Zeitzeugen gibt es irgendwann nicht mehr“, sagt Irmgard Kröncke. Als Vorsitzende des Friedhofsausschusses der St.-Severi-Kirchengemeinde hat sie die Entstehung der Übersichtstafel über Jahre begleitet. Für sie ist Erinnerung nicht allein ein Blick zurück. „Erinnern und Gedenken ist Arbeit für den Frieden“, sagt sie.

Dass die neue Tafel heute am Eingang des Friedhofs steht, ist das Ergebnis eines langen Weges. Begonnen hat er bereits 2014. Damals entstand die Idee, Jugendliche stärker in die Erinnerungskultur einzubeziehen. Der Landkreis Cuxhaven suchte mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge nach neuen Wegen, junge Menschen für den Volkstrauertag zu gewinnen – weg vom Bild einer Veranstaltung, die vor allem ältere Generationen erreicht.

Mit Hintergründen beschäftigt

Irmgard Kröncke, damals noch an der Johann-Heinrich-Voß-Schule tätig, griff die Idee auf. Mit einer zehnten Klasse beschäftigte sie sich mit den Hintergründen des Grabes der sechs Otterndorfer Jungen auf dem hiesigen Friedhof. Die Schülerinnen und Schüler recherchierten, führten Gespräche mit Zeitzeugen und trugen ihre Ergebnisse im Gottesdienst zum Volkstrauertag in St. Severi und dann am Grab vor.

Nachhaltiges Engagement für Erinnerungskultur

Aus diesem ersten Projekt entwickelte sich über die Jahre ein nachhaltiges Engagement für die Erinnerungskultur in Otterndorf. Menschen aus Kirche, Stadtgesellschaft und Volksbund arbeiteten daran, die verschiedenen Erinnerungsorte sichtbar zu machen und ihre Geschichten zu bewahren. Auch der Verein „Zukunft durch Erinnern e.V.“ sowie Schülerinnen und Schüler der Voß-Schule waren an der Arbeit beteiligt.

"Aus Grabstätten müssen Mahnstätten entstehen"

„Wir dürfen die Toten nicht vergessen“, betonte Jan Effinger vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge bei der Einweihung. Gerade die Gräber und Gedenkorte machten deutlich, was Krieg bedeutet. Nach 1945 sei aus der Erfahrung unzähliger Toter die Einsicht gewachsen, dass Grabstätten auch Mahnstätten werden müssten – „Mahnstätten zum Frieden“, wie Effinger auch in Anwesenheit von Otterndorfs Bürgermeister Claus Johannßen betonte.

Dass die neue Tafel am Friedhof nun genau dabei helfen soll, ist auch für die Kirchengemeinde ein wichtiger Schritt. St. Severi hat gemeinsam mit der Stadt Otterndorf die Finanzierung übernommen; der Volksbund unterstützte bei Gestaltung, Herstellung und Transport. Rund 1600 Euro kostete die Tafel insgesamt. Weitere Erinnerungsorte sollen folgen. Unter anderem ist eine Pulttafel für den Maler und Professor Carl Langhein geplant.

Wo Geschichte sichtbar bleibt

So wächst in Otterndorf nach und nach ein Netz von Orten, an denen Geschichte sichtbar bleibt. Manche Geschichten sind groß und bekannt, andere erzählen von Menschen, deren Namen fast vergessen worden wären. Gemeinsam bilden sie ein Stück der Geschichte dieser Stadt.
Und genau das zeigt das Bild dieses verregneten Freitags, das von der Einweihung bleiben wird: Menschen, dicht zusammengerückt unter ihren Schirmen, vor einer Tafel, die von vergangenen Zeiten erzählt. Der Regen wäscht die Erinnerung nicht fort. Im Gegenteil. Er macht sichtbar, worum es geht: Geschichte braucht Menschen, die sie bewahren – damit aus dem Erinnern Verantwortung für die Zukunft wachsen kann.