Europa im Gespräch: Begegnungen zwischen Politik und Kirche in Brüssel

Nachricht Brüssel, 09. Mai 2026

Politik macht eine kurze Pause – und David McAllister nimmt sich Zeit. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Europaparlament winkt die Delegation des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Cuxhaven-Hadeln überraschend ans Podium und lässt sie dort Platz nehmen, wo er sonst selbst die Debatten leitet. Für viele ist es ein Moment, in dem politische Verantwortung und kirchliches Engagement unmittelbar zusammenrücken.

"Rechtsruck in mehreren Staaten"

McAllister spricht während der Sitzungsunterbrechung über Europas innere Befindlichkeit, die brüchigen transatlantischen Beziehungen, den Rechtsruck in mehreren Staaten und über die Berichte ukrainischer Parlamentarierinnen und Parlamentarier, die kurz zuvor via Videokonferenz zugeschaltet waren. Die spontane Begegnung markiert einen frühen Höhepunkt der Reise und einer Woche, in der Kirche und Europa intensiv ins Gespräch kommen.

Im "Haus der Europäischen Geschichte" gleich nebenan wird den Besuchern – 26 Pastorinnen und Pastoren, Diakoninnen und Diakonen sowie Kirchenmusikern und Diakonie-Vertretern –  hernach noch einmal klar, wie eng Fortschritt, Konflikte und gemeinsame Werte in Europa letztlich miteinander verflochten sind. Jede Menge Informationen auf sechs Etagen fordern die Konzentration.

Von kostbarer Verständigung und einer wichtigen Übung

Zwischen den zahlreichen Zeugnissen des Neubeginns und den Schatten früherer Katastrophen wächst die Einsicht, wie kostbar Verständigung ist – und dass gemeinsames Handeln immer wieder neu eingeübt werden muss. Nationalistische Alleingänge sind im europäischen Zeitalter ohne Chance.

Beim Besuch der niedersächsischen Landesvertretung am nächsten Tag wird die politische Dimension greifbar. Claudia Nowak, Vertreterin des Wirtschaftsministeriums, erinnert daran, dass ein erheblicher Teil deutscher Gesetzgebung europäische Wurzeln hat. Niedersachsen nehme deshalb frühzeitig Einfluss – durch Gespräche, Stellungnahmen und den Austausch mit den neun Europaabgeordneten des Landes.

"Brücke zwischen Brüssel und der Heimat"

Die Landesvertretung verstehe sich dabei, so Nowak weiter, als Brücke zwischen Brüssel und der Heimat im Nordwesten Deutschlands. Auf die Frage, wie das christliche Erbe Europas heute sichtbar werde, beschreibt sie die EU als christliche Wertegemeinschaft, deren sozialer Zusammenhalt politisch spürbar sei.

Am folgenden Tag begegnet die Gruppe erneut David McAllister. Offen spricht der Europaabgeordnete aus Bad Bederkesa über sicherheitspolitische Herausforderungen und zeigt sich besorgt über den „Zusammenbruch der transatlantischen Beziehungen“. Europa müsse rasch eigene Fähigkeitslücken schließen. „Wir Europäer erwerben zu wenig gemeinsames militärisches Gerät“, kritisiert McAllister und appelliert an die Staats- und Regierungschefs, „nationale Eitelkeiten endlich beiseitezulegen“.

Dialog mit Jugendlichen als große Chance

Besondere Aufmerksamkeit erhält er, als er auf die neue Friedensschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland – „… und was dem Frieden dient“ – zu sprechen kommt. McAllister würdigt den Versuch, sicherheitspolitischen Realismus und christliche Werteorientierung zu verbinden. Chancen sieht er im Dialog mit Jugendlichen – und in der Rolle der Kirchen als Orte, die Polarisierung aktiv entgegenwirken können.

Auch jenseits der Institutionen erfährt die Delegation gelebte Kirche in Brüssel. Das Team des Protestantischen Sozialzentrums (CSP) zeigt, wie herausfordernd soziale Arbeit in einer Stadt mit großen sozialen Gegensätzen ist. Schuldnerberatung, psychosoziale Begleitung, Hilfe für Geflüchtete – das 24-köpfige Team arbeitet nach eigenen Angaben am Limit. „Armut nimmt zu, die Flüchtlingsströme werden größer, das Geld ist knapp“, heißt es unverblümt.

Staatliche Mittel, Spenden und kirchliche Haltung

Die Arbeit lebe von staatlichen Mitteln, Spenden – und einer kirchlichen Haltung, die Menschen unabhängig von ihrer Herkunft im Blick behält, so der Tenor der Gastgeber.

Wie sehr Kirche im Ausland ein Zuhause sein kann, erzählen Pastorin Katja Baumann von der evangelischen Emmaus-Gemeinde und Pfarrer Wolfgang Severin, der die katholische Paulus-Gemeinde leitet. Beide führen die einzigen deutschen Auslandsgemeinden in der europäischen Hauptstadt. Ihren Alltag prägen Gottesdienste, Bibelgespräche, Kinder- und Jugendarbeit – und vermehrt junge internationale Familien. „Im Alter gehen viele zurück“, weiß Baumann.

„Hier können die Menschen ankommen"

Severin beschreibt Brüssel als Stadt der Institutionen, Diplomaten und des NATO-Hauptquartiers – und die Kirchengemeinden als Orte, an denen Menschen ankommen können. „Wir sind wichtig, weil hier Heimat entsteht.“ Doch ohne freiwillige Beiträge und Spenden ginge es nicht.

Den Abschluss bildet der Besuch der EKD-Dienststelle in Brüssel. Katrin Hatzinger, Juristin und Leiterin des achtköpfigen Teams, überblickt ein breites Arbeitsfeld: digitale Ethik, Klima, Migration, Religionsfreiheit, Sicherheitspolitik. Die EKD bringe zu all diesen Themen kirchliche Perspektiven ein – „für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung“. In geopolitisch unruhigen Zeiten komme den Kirchen besondere Verantwortung zu. Die Frage, ob der Einfluss der Kirche schwinde, beantwortet Hatzinger entschieden: „Der Wunsch nach einer kirchlichen Stimme nimmt eher wieder zu.“

"Lebensraum, Aufgabe und gemeinsame Hoffnung"

Als die Delegation die Rückreise antritt, liegt eine Woche hinter ihr, in der Europa nicht nur als politische Konstruktion sichtbar wurde, sondern als Lebensraum, Aufgabe und gemeinsame Hoffnung.
Zwischen Ausschusssaal, Sozialstation und Kirchenraum hat sich ein Bild geformt, das bleibt: Europa ist fragil – und zugleich eine Chance. Eine Chance, die demokratische Wachsamkeit braucht. Und eine Chance, zu deren Erfüllung auch die Kirche ihren Beitrag leisten kann.

Andreas Schoener, Referent für Öffentlichkeitsarbeit im Kirchenkreis Cuxhaven-Hadeln

Die EU und das Parlament

  • Die Europäische Union (EU) entstand mit dem Vertrag von Rom 1957, als sechs Länder – Belgien, Frankreich, Italien, Luxemburg, Niederlande und Westdeutschland – die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft gründeten, um Frieden und wirtschaftliche Zusammenarbeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu sichern.
  • Heute umfasst die EU 27 Mitgliedstaaten mit rund 450 Millionen Einwohnern.Sie hat sich zu einer politischen und wirtschaftlichen Union entwickelt.
  • Das Europäische Parlament zählt derzeit 720 Abgeordnete, die seit der Europawahl 2024 alle fünf Jahre direkt gewählt werden. Die größte Fraktion ist die Europäische Volkspartei (EVP) mit etwa 188 Sitzen, gefolgt von den Sozialdemokraten (S&D) mit rund 136 Mandaten; weitere starke Gruppen sind Renew Europe, die Grünen/EFA und die Konservativen (EKR). Die Sitzverteilung spiegelt die politische Vielfalt wider, wobei Mehrheiten oft durch Koalitionen entstehen.
  • Die rechten Fraktionen (PfE, EKR, ID, ESN) stellen zusammen über 240 Abgeordnete und sind eine der größten Kräfte.