Burkhard Schmidt: "Ich möchte mit Ohr und Herz zuhören und verstehen"

Nachricht Kirchenkreis, 05. Januar 2026

Krankenhausseelsorge geschieht oft im Stillen: am Bett eines schwerkranken Menschen, in Gesprächen voller Hoffnung und Angst, in Momenten, in denen Worte fehlen. Über 20 Jahre lang war Burkhard Schmidt als Krankenhausseelsorger für den Kirchenkreis Cuxhaven-Hadeln tätig. Kurz vor seinem Ruhestand blickt er zurück auf prägende Begegnungen – und darauf, was Seelsorge heute und in Zukunft braucht.

Herr Schmidt, gibt es einen Moment aus Ihrer Arbeit, der Sie besonders berührt hat?
Da gibt es einige. Besonders berührend ist für mich immer wieder, welche Wirkung ein offenes Ohr, ein Gebet oder ein Segen haben kann – und wie viel Vertrauen Patientinnen und Patienten mir entgegenbringen. Ein Beispiel: Ein Patient auf der Intensivstation wusste, dass es kaum Hoffnung für ihn gab. Nach einem intensiven Gespräch bat er mich um einen Segen. Als ich ihn am nächsten Tag wieder besuchte, saß er strahlend auf der Bettkante – sein Zustand hatte sich deutlich verbessert. Woran auch immer das gelegen hat: Für ihn war es ein Wunder.

Was hat Sie in die Krankenhausseelsorge geführt – und was fasziniert Sie daran bis heute?
Nach meiner Zeit als Jugenddiakon suchte ich ein neues Arbeitsfeld. Seelsorge gehörte schon immer zu meinen Gaben. In der Klinischen Seelsorgeausbildung wollte ich prüfen, ob dieses Feld zu mir passt – und danach war klar: Das möchte ich machen. Cuxhaven war die nächste ausgeschriebene Stelle, und ich bin froh, dass es geklappt hat. Was mich bis heute fasziniert, ist die Wirkung einer Gesprächshaltung, die den Menschen konsequent ins Zentrum stellt. Oft höre ich einfach aufmerksam zu – und bekomme die Rückmeldung, dass das Gespräch gutgetan hat. Das motiviert mich und gibt Kraft.

Spielt Konfession oder Religion in Ihren Gesprächen eine Rolle?
Eher selten. Mir ist wichtig, Menschen offen und wertschätzend zu begegnen. Die Patientinnen und Patienten bestimmen das Thema. Ich möchte mit Ohr und Herz zuhören und verstehen. Häufig geht es um existentielle Fragen – nach dem Warum, nach dem eigenen Leben, nach Dankbarkeit oder Schuld. Auch wenn sie nicht so genannt werden, sind das spirituelle Fragen, bei deren Suche ich begleite.

Welche Bedeutung haben Rituale wie Gebete oder Segnungen heute noch?
Das Bedürfnis nach klassischen christlichen Ritualen ist geringer geworden. Früher wurde ich häufiger um Gebete oder das Krankenabendmahl gebeten.
Der Segen jedoch spielt weiterhin eine große Rolle. Auf die Frage, ob ich ein gutes Wort zusprechen darf, erhalte ich oft Zustimmung. Sehr häufig ist es Psalm 23, der tief berührt. Besonders wichtig sind Rituale beim Abschied, etwa am Sterbebett. Wenn Worte fehlen, entfalten sie ihre eigene Kraft.

Wie bleiben Sie in der Begleitung von Sterbenden und Trauernden selbst im Gleichgewicht?
Ich begleite diese Menschen, bin aber nicht selbst in ihrer Situation. Nähe und Distanz müssen im Gleichgewicht bleiben – das gelingt nicht immer.
Deshalb ist Selbstfürsorge wichtig: Zeit am oder auf dem Wasser, Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen und Supervision helfen mir dabei.

Welche Rolle spielen Sie in ethischen Beratungssituationen?
Die Entscheidungen treffen in der Regel die Mediziner. In ethischen Beratungen geht es darum, gemeinsam mit allen Beteiligten die bestmögliche Entscheidung für einen Patienten zu finden. Ich bin sehr froh, dass es in beiden Krankenhäusern Klinische Ethikkomitees gibt. Dort werden Empfehlungen erarbeitet, die bei schwierigen Entscheidungen helfen. Meine Rolle ist unterstützend – als Moderator, mit Kenntnis der Situation eines Patienten oder mit ethischer Kompetenz.

Gab es trotz aller Schwere auch lichte Momente?
Auf jeden Fall. Besonders in der Begleitung von Palliativpatientinnen und -patienten habe ich Menschen erlebt, die dankbar und versöhnt auf ihr Leben zurückblickten – oft mit einem Lächeln. Dieses Lächeln überträgt sich. Und ich denke dann: So möchtest du selbst einmal Abschied nehmen können.

Wie sehen Sie die Zukunft der Krankenhausseelsorge?
Die Krankenhausseelsorge hat sich stark entwickelt. Das alte Bild des Seelsorgers mit der Bibel unterm Arm gehört der Vergangenheit an. Ausbildungen wie die Klinische Seelsorge bieten heute ein solides Fundament. Gleichzeitig wird sich Seelsorge weiter professionalisieren müssen, um im System Krankenhaus zu bestehen. Studiengänge wie „Spiritual Care“ zeigen, wie wichtig seelische und spirituelle Bedürfnisse genommen werden. Die Kliniken erkennen den Wert der Seelsorge – das freut mich sehr. Die Kirche sollte dieses Arbeitsfeld nicht vernachlässigen.

Mit Blick auf den Ruhestand: Was wünschen Sie sich?
Ich bin begeisterter Segler und träume davon, einen Sommer ohne Zeitdruck in den schwedischen Schären und anderen Orten der Ostsee zu verbringen. Ich freue mich auf mehr Zeit für die Familie und bin sicher, dass auch ehrenamtliche Aufgaben hinzukommen werden.

Andreas Schoener, Referent für Öffentlichkeitsarbeit im Kirchenkreis Cuxhaven-Hadeln

Zur Person

  • 1977: Ausbildung Finanzbehörde Hessen
  • 1987: Theologische Ausbildung, Johanneum Wuppertal
  • 1990: Gemeindediakon in Hattorf am Harz
  • 2001/2002: Klinische Seelsorgeausbildung
  • Seit 2004: Krankenhaus- und Altenheimseelsorge Cuxhaven
  • Seit 2011: Krankenhausseelsorger im Kirchenkreis Cuxhaven-Hadeln

Gottesdienst in Otterndorf

Krankenhausseelsorger Diakon Burkhard Schmidt wird am Sonntag, 11. Januar 2026, von Superintendentin Kerstin Tiemann in den Ruhestand verabschiedet. Der Gottesdienst beginnt um 10.30 Uhr in der Kirche von St. Severi zu Otterndorf. Im Anschluss besteht die Möglichkeit, sich persönlich von Burkhard Schmidt zu verabschieden. Alle Bürger sind herzlich eingeladen.