Wenn der Urlaub Menschen zur Kirche zurückbringt

Nachricht Kirchenkreis, 22. Juli 2026

Während viele Kirchengemeinden mit sinkenden Besucherzahlen und schwindender Bindung kämpfen, erlebt die evangelische Urlauberseelsorge in Cuxhaven das Gegenteil. Menschen nehmen sich im Urlaub Zeit für Gespräche, Gottesdienste, Segnungen und die großen Fragen des Lebens. Urlauberpastorin Maike Selmayr erklärt, warum ausgerechnet die Ferien für viele zu einer offenen Tür zum Glauben werden.

Was trägt Sie nach all den Jahren unentwegten Engagements für die Urlauberseelsorge noch? Gibt es ein Bild, das Ihnen Kraft schenkt?
Maike Selmayr:
Die Duhner Kapelle als ehemalige Scheune (Baujahr 1860, Kapelle seit 27.06.1952) ist für mich ein geistlicher Kraftort, der mein Herz erobert hat und mich bleiben lässt. Jesus ist in einem einfachen Stall zur Welt gekommen. Auch in dieser schlichten Kapelle hinter dem Deich wird seine Gegenwart für viele Menschen spürbar. Dazu darf ich mit meinem Team Raum geben und einladen. Ich darf miterleben, wie Gottes Gegenwart heilsam Herzen bewegt, versöhnt und zum Klingen bringt – auch meines. Das macht zufrieden und lässt mich in Duhnen bei Gott und den Menschen zuhause sein. 

Wie erklären Sie jemandem, der die Urlauberseelsorge noch nicht kennt, warum diese so wichtig ist?
Selmayr: Urlaubszeit ist für viele Menschen unserer Zeit „Heilige Zeit“. Das steckt im englischen Wort „holiday“ drin. Früher war der Sonntag die von Gott geschenkte Auszeit. Heute unterbricht oft nur noch der Urlaub den Alltag, schenkt Abstand von dem, was einen antreibt, beschäftigt und erschöpft. Urlaub hilft, der Seele Raum zu geben und neue Perspektiven zu gewinnen. Genau hier setzt die Urlauberseelsorge mit ihrem vielfältigen Angebot an.

Was suchen Menschen im Urlaub besonders häufig – bewusst oder unbewusst?
Selmayr: 
Viele Menschen suchen Ruhe, Orientierung und neue Kraft. Die Urlauberseelsorge lädt ein zum Hinhören, Nachdenken, ins Gespräch kommen, Mitmachen, Kreativwerden und Seele-baumeln-Lassen. Kirche kann Menschen im Urlaub mit der frohmachenden Botschaft von der Liebe Gottes erreichen, weil viele offen sind, anders hinzuhören, etwas auszuprobieren und sich dort ansprechen zu lassen, wo sie niemand kennt. 

Was macht die Andachten an der Kugelbake, auf dem Bauernhof oder in der Urlauberkapelle geistlich so besonders?
Selmayr:
Gottes Geist wirkt, wenn Menschen bei diesen Andachten unter freiem Himmel, in der Blätterkirche oder der ehemaligen Scheune spüren: Ich bin an diesem „anderen Ort“ nicht fremd. Ich gehöre dazu in der bunt zusammengewürfelten Gemeinde. Ich bin herzlich willkommen, angesehen und beim Namen gerufen. Da fragt jemand nach meinem Woher und Wohin und schenkt mir Trost und Zuversicht. Bei Gott ist mein Zuhause, wo ich auch bin. 

Welche Angebote haben sich besonders bewährt?
Selmayr:
 Seit den 70er Jahren ist die Gute-Nacht-Geschichte in den Ferienzeiten in der Duhner Kapelle zuhause. Heute kommen diejenigen mit ihren Kindern dorthin, die als Kinder selbst einmal auf den Altarstufen gesessen und zugehört haben. Der Sonntagsgottesdienst ist nach wie vor der wichtigste Treffpunkt der Urlaubergemeinde aus ganz Deutschland. Der kräftige Gesang begeistert viele, die dort mitfeiern.

Welche Angebote sprechen Erwachsene besonders an?
Selmayr:
 Wer Musik besonders erleben möchte, findet beim „Offenen Singen“ mit Lektor Lothar Prystav oder bei „Ruhig werden mit Musik“ weitere Angebote. Mit seinem Saxophon füllt er ganzjährig ehrenamtlich die Kapelle. Die täglichen 11-Uhr-Andachten zu einem Wochenthema sind der rote Faden, der sich durchs ganze Jahr zieht. Hier kann man nach einem Seelsorgegespräch fragen oder spontan einen Segen empfangen – zum Hochzeitsjubiläum, zum Geburtstag oder einfach so. Ohne Anlass gesegnet werden kann man als Einzelperson, Paar, Familie oder Gruppe am Samstagabend bei der Abendmahlandacht „Wegzehrung“.

Gibt es Angebote, die viele Besucher noch als Geheimtipp entdecken müssen? Selmayr: Ja. Dazu gehören die erfahrungsorientierten Nachmittagsangebote wie Minipilgerweg, Bibliolog und Meditation. Dazu kommen Lesungen, Vorträge, das Friedensgebet, Sonderaktionen wie „Einfach Heiraten“ und manchmal auch ein Konzert. Da kann jeder etwas Passendes finden. Neben mir als ganzjähriger Urlauberpastorin sorgen die saisonalen Kurpastorinnen und Kurpastoren aus ganz Deutschland, Pastoren im Ruhestand, Lektoren und Prädikanten seit Jahrzehnten für Abwechslung. Seit 2024 ist außerdem die Campingplatzseelsorge in Otterndorf in den Sommerferien dazugekommen – mit einem reichhaltigen Angebot für Kinder und Familien im Kirchenzelt. 

Wie erreichen Sie heute Menschen, die kirchlich kaum angebunden sind? Spielen QR-Codes, Podcasts oder soziale Medien eine Rolle?
Selmayr: 
Die Urlauberseelsorge lebt vor allem von der direkten Begegnung mit den Menschen am Urlaubsort. Dennoch kann man sich ein Stück davon auch nach Hause holen: durch Broschüren, Podcast-Andachten, Gute-Nacht-Geschichten, Onlinegottesdienste und Meditationsimpulse zum Download. Auf der Homepage findet sich auch der QR-Code „Segen jetzt“ sowie der Audiowalk „Duhner Geschichte(n)“ der Klaus-Kamp-Stiftung mit einem digitalen historischen Rundgang durch Duhnen. 

Was bleibt für Sie am Evangelium unverhandelbar – auch im „Urlaubsformat“? Selmayr: Wer meint, in der Urlauberseelsorge würde eine „Schönwetter- oder Wellnesstheologie“ verkündet, irrt sehr. Gerade die Urlaubssituation ermöglicht es, mit mehr Zeit Themen an sich heranzulassen, die einen im Alltag überfordern könnten.

Welche Fragen bringen Menschen in der Urlauberseelsorge besonders mit? Selmayr: Es gibt Gelegenheit, über biblische Texte und Figuren nachzudenken und über zentrale Glaubensfragen ins Gespräch zu kommen: über Kreuz und Auferstehung Jesu Christi, die Gebote, das Glaubensbekenntnis sowie ethische und ökumenische Fragen. Auch die Frage nach dem Leid in der Welt und im persönlichen Leben gehört dazu: Wie ist in alledem die Liebe und Barmherzigkeit Gottes zu finden? Gemeinsam danach zu suchen und Gottes Güte, Gnade und Segen in Wort und Tat weiterzugeben – darauf kommt es für mich an. 

Wo liegen für Sie die größten Herausforderungen: Personal, Finanzierung, Genehmigungen, Wetter oder die Aufmerksamkeit der Gäste?
Selmayr: 
Die Urlauberseelsorge Cuxhaven-Hadeln finanziert sich nur zu einem kleinen Teil aus Kirchensteuern und zum größten Teil aus Zuschüssen, Kollekten und Spenden.

Ist diese Eigenfinanzierung manchmal ein Wagnis?
Selmayr: 
Es ist eine Herausforderung, diese Finanzierung der wechselnden Urlaubergemeinde unaufdringlich ins Bewusstsein zu rücken und täglich um Unterstützung zu bitten. Doch es gelingt mit Gottes Hilfe seit vielen Jahren. Ich bin allen Urlaubern und Einheimischen dankbar, die mithelfen, Kirche am Urlaubsort aufzubauen und zu erhalten. 

Wo sehen Sie die Evangelische Urlauberseelsorge Cuxhaven in zehn Jahren? Selmayr: Cuxhaven ist das größte Nordseeheilbad Deutschlands mit wachsenden Übernachtungszahlen. Die Urlauberseelsorge hat daran Anteil, darf gegen den kirchlichen Trend mitwachsen und steigende Teilnehmerzahlen verzeichnen. Darum wurde die Urlauberkapelle 2021 saniert und ausgebaut – weitgehend aus Spendengeldern. Damit verbinden die Stammgäste die Erwartung, dass Kontinuität, Verlässlichkeit, Vielfalt und Qualität erhalten bleiben. Die Urlauberseelsorge möchte dieser Erwartung gerecht werden, das Angebot weiterentwickeln und bei Bedarf ausbauen.

Woran arbeiten Sie schon heute ganz konkret?
Selmayr: 
Um die steigende Nachfrage nach musikalischen Veranstaltungen zu bedienen, sollen ab 2027 neben Kurpastoren auch Urlauberkantoren in der Duhner Kapelle eingesetzt werden. Gesammelt wird derzeit für eine neue Kapellenorgel, damit den Musikern bald ein hochwertiges Instrument zur Verfügung steht, mit dem sie die Seelen zum Klingen bringen können. Freuen können sich alle schon auf das 75-jährige Kapellenjubiläum am 27.06.2027 mit einem Festgottesdienst mit Landesbischof Ralf Meister.

Andreas Schoener, Referent für Öffentlichkeitsarbeit im Kirchenkreis Cuxhaven-Hadeln