Vor 500 Jahren wagten Menschen in Altenbruch einen ungewöhnlichen Schritt: Sie nahmen ihre Kirche selbst in die Hand – und schrieben damit ein Stück Reformationsgeschichte „von unten“. Was diesen Moment so besonders macht und was er uns heute noch zu sagen hat, erklärt Pastor Erik Neumann aus St. Nicolai Altenbruch im Interview.
Herr Neumann, am 21. April 2026 jährt sich der Beginn der Reformation im Hadelner Land zum 500. Mal. Warum ist dieses Datum gerade für Altenbruch so besonders?
Erik Neumann: Als ich nach Altenbruch kam, wurde mir gesagt: „Die alteingesessenen Hadelner haben so ein Revoluzzer-Gen! Die haben sich schon vor Jahrhunderten selbst verwaltet, als woanders das noch niemand versuchte. Deshalb waren sie auch strikt gegen die Gebietsreform vor gut 50 Jahren. Was da dran ist, muss jeder selbst entscheiden. Aber ich war erstaunt, dass sich Spuren davon tatsächlich bis in die Reformationszeit zurückverfolgen lassen.
Viele denken bei Reformation sofort an Martin Luther. Was unterscheidet die Entwicklung in Altenbruch von dem, was man allgemein über die Reformation weiß?
Neumann: Im Jahr 1517 hatte Luther die Freiheit des Einzelnen vor Gott neu entdeckt. Mitte der 1520er-Jahre gewannen diese Gedanken auch im Hadelner Land mehr und mehr an Bedeutung – und zwar bei den Bauern und Seefahrern, also in der Bevölkerung von Altenbruch und Umgebung.
In Altenbruch spricht man von einer „Reformation von unten“. Was genau ist damals passiert – und warum war das so außergewöhnlich?
Neumann: Der damalige Erzbischof von Bremen war leider mehr an Geld interessiert, als gut für seinen Verantwortungsbereich zu sorgen. Söldnerheere kamen zum Plündern ins Hadelner Land. Johann Brandes, damals Pastor in Altenbruch, stellte sich ihnen mutig entgegen. Die Hadelner stärkten ihm den Rücken. Der Kirchherr sei abwesend, schrieben sie, mache es sich leicht, weide seine Herde nicht wie ein guter Hirte, habe sie nicht vor dem Wolf geschützt und wolle trotzdem von ihrer Wolle und Milch leben.