Gottesdienst verstehen - Neue Folge: das "Amen" in der Kirche

Der gläubige Mensch bekennt sich mit nur einem Wort...

"Gottesdienst ist im Sinne eines doppelten Genetivs Dienst Gottes am Menschen [genitivus subjectivus] und Dienst des Menschen vor Gott [genitivus objectivus]." (J. Arnold: Theologie des Gottesdienstes, 2004, S. 19f.)

Antwort auf die zuvor erfolgte Hinwendung Gottes zu den Menschen

Dieser Doppelcharakter des Gottes Dienstes begründet die responsorische Qualität allen gottesdienstlichen Handelns: Der Mensch antwortet in seiner Hinwendung zu Gott immer auf die zuvor erfolgte Hinwendung Gottes zu den Menschen in Christus (vgl. Jes 65,24).
Gott hat dem Menschen im Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi heilsstiftend gedient und dient ihm fortwährend im Gottesdienst, indem er ihn anhört, wenn der Mensch zu ihm betet, vor ihm singt, sich zu ihm bekennt. Für einen Gottesdienst verstanden als Dienst des Menschen vor Gott, ist die aktive Teilnahme der Gottesdienstbesucher am gottesdienstlichen Geschehen essenziell.

Diese aktive Teilnahme geschieht im Singen, Sprechen, Hören und Schweigen "in Dank, und Bitte, Klage und Lob, Fürbitte und Bekenntnis" (J. Arnold, ebd., S. 22). Deswegen ist ein evangelischer Gottesdienst immer eine "Mitmachveranstaltung" und niemals eine Bühnenshow, bei der man sich in der Hoffnung auf etwas Zerstreuung berieseln lässt und dabei den Liederzettel wie ein Programmheft fest umklammert.

"Amen!" ist ein hebräischer Zustimmungspartikel

In diesem grundsätzlich dialogischen Gottesdienstgeschehen kommt dem Amen der Gemeinde wie auch dem der Liturgin/des Liturgen eine wichtige Bedeutung zu. "Amen!" ist ein hebräischer Zustimmungspartikel und bedeutet übersetzt "Gewiss!", "Wahrlich!" oder "So sei es!". In der Liturgie dient es als Ausdruck der "Bekräftigung und Anerkennung der von einem anderen vorgetragenen Rede" (F. Kalb: Grundriss der Liturgik, 1965, S. 313, vgl. ebd. S. 114f.). Jede Gottesdienstbesucherin und jeder Gottesdienstbesucher macht sich also mit ihrem und seinem "Amen!" den Gruß, den Zuspruch oder das Gebet einer Liturgin/eines Liturgen zu eigen.

Besonders wichtig ist das "Amen" nach dem Trinitarischen Votum

Wird das "Amen" nach einem Gebet nicht gesprochen, bedeutet dies: Das Gebet, das soeben stellvertretend auch für mich gesprochen wurde, wird von mir nicht akzeptiert. Dank, Bitte, Lob oder Klage wurden nicht in meinem Namen vor Gott gebracht. Besonders wichtig ist das Amen der Gemeinde nach dem Trinitarischen Votum ("Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes") zu Beginn des Gottesdienstes.

Fehlt das "Amen" der Gemeinde an dieser Stelle, heißt das im Umkehrschluss für die Liturgin/den Liturgen: Den nachfolgenden Gottesdienst hält sie/er nicht vor Schwestern und Brüdern im Glauben, sondern vor Nicht-Christen. Folglich wäre der Gottesdienst dann eine Art Missionsveranstaltung und nicht ein Gottesdienst mit gleichgesinnten Schwestern und Brüdern.

...und dieses Wort ist "Amen!" und nicht "Danke!"

Aus dem Gesagten resultiert auch die angemessene Antwort beim Empfang der Elemente im Abendmahl. Die ihm zugesprochenen Spendeworte macht sich der gläubige Mensch zu eigen, indem er sich zu der darin enthaltenen Glaubensaussage mit nur einem Wort bekennt, und dieses eine Wort ist "Amen!" und nicht "Danke!". 

Axel Scholz, Pastor in Otterndorf, Osterbruch und Neuenkirchen