Veränderung, Verantwortung, Verlässlichkeit: Der jüngste Ephoralbericht von Superintendentin Kerstin Tiemann gibt Einblick in die Lage des Evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Cuxhaven-Hadeln. Im Interview nennt sie Zahlen, ordnet diese ein und zeigt auf, wie Kirche auch künftig nah bei den Menschen bleiben kann.
Sie sprechen von steigenden Kirchensteuereinnahmen. Warum ist das trotzdem kein Anlass zur Entwarnung?
Kerstin Tiemann: Die gestiegenen Einnahmen sehen auf den ersten Blick zwar positiv aus, aber sie bedeuten nicht, dass sich unsere Lage grundlegend entspannt hätte. Wir haben weiterhin sinkende Mitgliederzahlen, während zugleich die Kosten für Personal, Energie und Sachausgaben steigen. Deshalb sind die Mehreinnahmen eher eine Momentaufnahme als ein echter Grund zur Entwarnung.
Was sagen die aktuellen Zahlen insgesamt über die Entwicklung im Kirchenkreis aus?
Tiemann: Sie zeigen ein gemischtes Bild. Insgesamt ist die Zahl der Kirchenmitglieder von 43.413 auf 42.732 zurückgegangen – also insgesamt um 681. Im Bereich Cuxhaven gibt es zwar einen leichten Anstieg, im Bereich Hadeln aber einen deutlichen Rückgang.
Bei Taufen und Trauungen geht es ebenfalls nach unten. Wie bewerten Sie das?
Tiemann: Das ist für uns natürlich nicht schön, aber es überrascht auch nicht völlig. Die Zahl der Taufen ist von 272 auf 241 gesunken, die der Trauungen von 81 auf 57. Das zeigt, dass die Bindung vieler Familien an Kirche schwächer geworden ist und sich gesellschaftliche Veränderungen sehr deutlich bemerkbar machen.
Bei den Beerdigungen sieht es anders aus. Was bedeutet der Anstieg?Tiemann: Gerade dort wird sichtbar, dass Kirche weiterhin gebraucht wird. Die Zahl der Beerdigungen ist von 565 auf 601 gestiegen. In Zeiten von Abschied und Trauer suchen Menschen Begleitung, Trost und Verlässlichkeit – und genau das erwartet man offenbar auch weiterhin von der Kirche.
Sie erwähnen in Ihrem Bericht auch die Entwicklung bei Austritten und Eintritten. Was fällt dabei besonders auf?
Tiemann: Positiv ist zunächst, dass sich die Austrittszahlen quasi halbiert haben – von 872 auf 422. Das ist ein ermutigendes Signal. Trotzdem bleibt die Lücke groß: 26 Eintritten stehen 422 Austritte gegenüber. Wir verlieren also weiterhin mehr Mitglieder, als wir gewinnen.
Warum ist diese Lücke trotz des Rückgangs bei den Austritten immer noch so groß?
Tiemann: Weil die Zahl der Eintritte sehr gering bleibt. Der Rückgang bei den Austritten ist erfreulich, verändert aber die Gesamtlage noch nicht grundlegend. Die Entwicklung zeigt, dass wir weiterhin vor der Herausforderung stehen, Menschen für Kirche zu gewinnen und ihnen gute Gründe für eine Zugehörigkeit zu geben.
Welche Rolle spielt Kirche heute in der Öffentlichkeit?
Tiemann: Ich glaube, Kirche wird dann wahrgenommen, wenn sie nicht nur über sich selbst spricht, sondern Haltung zeigt. Das gilt vor allem bei Fragen von Demokratie, Menschenwürde und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Genauso wichtig ist das Ehrenamt, ohne das viele Bereiche unserer Arbeit gar nicht denkbar wären.
Wo erleben Sie im Kirchenkreis besondere Stärke und Wertschätzung? Tiemann: Vor allem dort, wo Kirche ganz konkret hilft: in der Diakonie, in der Seelsorge, in der Hospizarbeit. In solchen Feldern merken Menschen, dass Kirche an ihrer Seite ist. Gerade an den Wendepunkten des Lebens wird das besonders spürbar.
Was ist für die kommenden Jahre aus Ihrer Sicht die wichtigste Aufgabe?Tiemann: Wir müssen den Wandel bewusst gestalten und dürfen ihn nicht nur verwalten. Dazu gehören neue Strukturen, gebündelte Kräfte und die Bereitschaft, Gewohntes zu hinterfragen. Wichtig bleibt für mich dabei vor allem eines: dass Kirche auch künftig nah bei den Menschen, glaubwürdig und verlässlich bleibt.
Andreas Schoener, Referent für Öffentlichkeitsarbeit im Kirchenkreis Cuxhaven-Hadeln


